Herausforderndes Verhalten bei Demenz: Ursachen verstehen – 3 Beispiele aus meiner Praxis

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Herausforderndes Verhalten bei Demenz: Ursachen verstehen – 3 Beispiele aus meiner Praxis
herausforderndes Verhalten bei Demenz

Die Ursachen für herausforderndes Verhalten bei Demenz können vielschichtig sein. Anhand von drei Beispielen aus meiner Praxis zeige ich, wie wichtig es sein kann, nicht nur das sichtbare Verhalten zu betrachten, sondern nach möglichen Ursachen und Auslösern zu suchen.

Immer wieder gibt es Situationen im Alltag, die für Angehörige und Pflegekräfte von Menschen mit Demenz sehr kräfteraubend sind. Unruhe, Umherwandern, Aggressivität, Rufen, Schlafprobleme oder andere Verhaltensänderungen können sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1 berücksichtigt bei psychischen und Verhaltenssymptomen von Menschen mit Demenz insbesondere personenzentrierte und nichtmedikamentöse Ansätze.

Auch die internationale NICE-Leitlinie zur Demenzversorgung empfiehlt, bei belastendem Verhalten zunächst mögliche Ursachen strukturiert zu untersuchen. Dazu gehören beispielsweise Schmerzen, ein Delir, Medikamente, die Umgebung oder eine Betreuungssituation, die für den betroffenen Menschen belastend sein kann.

Aber wie kann das im Alltag aussehen?

Hier sind drei Fallbeispiele aus der Praxis von Andrea Stix, MSc.

 

Fallbeispiel 1: „Hummeln im Hintern“

„Herr Gruber kann nicht lange stillsitzen. Er hat einen enormen Bewegungsdrang. Dies stört die anderen Teilnehmer:innen im Tageszentrum derart, dass einige von ihnen schon lautstark schimpfen“, erzählt mir eine verzweifelte Betreuerin am Telefon.

Wir vereinbaren einen Besuchstermin, um uns die Situation genauer anzusehen.

Kaum hat Herr Gruber gefrühstückt, läuft er im Raum auf und ab und murmelt leise vor sich hin. Er erlaubt mir, ihn bei seinem Spaziergang zu begleiten. Ich nehme bei ihm eine deutliche innere Unruhe wahr. Offenbar scheint ihn etwas zu beschäftigen.

In der nächsten Pause erkundige ich mich nach seinem früheren Leben und erfahre, dass Herr Gruber viele Jahre mit großem Engagement Bürgermeister des Nachbarortes war.

Diese Information liefert einen möglichen Hinweis darauf, warum Aktivität, Termine und das Gefühl, etwas erledigen zu müssen, für ihn weiterhin eine besondere Bedeutung haben könnten.

Ich besorge ein Buch über seine Heimatgemeinde. Anstatt ständig durch den Raum zu gehen, beschäftigt er sich nun immer wieder mit dem Buch und den darin enthaltenen Erinnerungen.

Warum die Biografie eines Menschen wichtig sein kann

Lebensgeschichte, frühere Rollen, Gewohnheiten und persönliche Vorlieben können wichtige Hinweise liefern, um das Verhalten eines Menschen mit Demenz besser zu verstehen.

Die NICE-Leitlinie zur Demenzversorgung empfiehlt ausdrücklich, persönliche Vorlieben, Routinen und die individuelle Lebensgeschichte von Menschen mit Demenz zu berücksichtigen. Bei Agitation oder Aggressivität werden zudem personalisierte Aktivitäten empfohlen, die Beschäftigung, Freude und Interesse fördern.

Biografische Informationen können Türöffner sein, um Verhalten besser zu verstehen. Erfahrungen, frühere Rollen und langjährige Gewohnheiten können Hinweise darauf geben, welche Aktivitäten, Situationen oder Erinnerungen einem Menschen Sicherheit, Orientierung oder Wohlbefinden vermitteln.

Wichtig ist jedoch: Aus einer solchen Beobachtung lässt sich nicht beweisen, dass ein bestimmtes biografisches Erlebnis die alleinige Ursache eines Verhaltens ist. Verhalten bei Demenz kann durch viele unterschiedliche Faktoren beeinflusst werden.

 

Fallbeispiel 2: „Die innere Uhr von Frau Roswald“

Bei meinen Vorträgen gibt es anschließend immer ausreichend Gelegenheit, persönliche Fragen zu stellen. Auf diese Weise lerne ich die Tochter von Frau Roswald kennen.

Sie ist unsicher, ob für ihre Mutter tatsächlich Medikamente gegen Schlaflosigkeit notwendig sind, wie dies die Pflegekraft zunehmend fordert.

Um die Situation besser einschätzen zu können, nehme ich mir ausreichend Zeit, den Alltag vor Ort zu beobachten.

Frau Roswald ist eine ruhige und freundliche Frau, die trotz ihrer kognitiven Beeinträchtigungen noch immer im Haushalt mithilft. Voller Freude zeigt sie mir auch den großen Gemüsegarten, den die Pflegekraft liebevoll mit ihr angelegt hat. Zwischen den beiden herrscht ein harmonisches Miteinander – so meine Wahrnehmung.

Als sich Frau Roswald zurückzieht, um sich ein wenig auszuruhen, spreche ich mit der Pflegekraft über die nächtliche Situation. Sie erzählt mir vom häufigen nächtlichen beziehungsweise sehr frühen Aufstehen und erhofft sich von Medikamenten, dass Frau Roswald morgens länger schläft.

Bei der Beschäftigung mit ihrer Biografie ergibt sich ein wichtiger Hinweis:

Frau Roswald war viele Jahre Bäuerin und über Jahrzehnte daran gewöhnt, sehr früh aufzustehen.

Lang eingeübte Tagesabläufe und Gewohnheiten können auch bei einer Demenzerkrankung weiterhin von Bedeutung sein. Deshalb wird der Tagesablauf angepasst: Frau Roswald darf weiterhin früh aufstehen und findet morgens Beschäftigungsmöglichkeiten vor, beispielsweise Zeitungen zum Durchblättern oder andere vertraute Tätigkeiten. Einige Stunden später beginnen dann die gemeinsamen Aktivitäten mit der Pflegekraft.

Schlafprobleme bei Demenz nicht vorschnell mit Medikamenten behandeln

Schlafprobleme bei Menschen mit Demenz können unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb sollte zunächst geprüft werden, welche Faktoren den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflussen könnten.

Die NICE-Leitlinie zur Demenzversorgung empfiehlt bei Schlafproblemen einen individuell angepassten, mehrteiligen Ansatz. Dazu können unter anderem Schlafhygiene, Tageslicht, Bewegung und personalisierte Aktivitäten gehören.

Medikamente sind deshalb nicht automatisch die erste oder einzige Lösung. Ob eine medikamentöse Behandlung notwendig und geeignet ist, muss ärztlich beurteilt werden.

Zuhören, verstehen, beobachten und individuell handeln sind Schritte, die ich regelmäßig in meinen Beratungen anwende, um gemeinsam mit den Beteiligten nach alltagstauglichen Lösungen zu suchen.

 

Fallbeispiel 3: „Nächtliche Ruhestörung“

Der Vermieter droht Herrn Bösner mit der Kündigung der Wohnung, wenn sich die nächtlichen Ruhestörungen nicht verändern.

Seit mehreren Wochen kommt es nachts zu lautem Verhalten, das auch für die Nachbarn sehr belastend ist.

Auch hier versuche ich zunächst, nicht nur das Verhalten selbst zu betrachten, sondern genauer zu beobachten, wann es auftritt und welche Ereignisse ihm vorausgehen.

Seinem Bruder, der ihn unterstützt, fällt schließlich auf, dass die nächtlichen Vorfälle häufiger nach Besuchen der Mutter auftreten.

Aus Gesprächen über die Lebensgeschichte von Herrn Bösner ergeben sich Hinweise auf eine schon früher schwierige Beziehung zu seiner Mutter. Sie wird als sehr dominant beschrieben und hatte in seiner Kindheit großen Einfluss auf seine Entscheidungen.

Ob diese früheren Erfahrungen tatsächlich die Ursache für das heutige Verhalten darstellen, lässt sich aus einer solchen Beobachtung nicht sicher ableiten.

Möglich ist jedoch, dass bestimmte Begegnungen, Situationen oder damit verbundene Emotionen bei einem Menschen mit Demenz Stress oder Belastung auslösen und sich dies im Verhalten zeigt.

Auf meine Empfehlung hin werden die Besuche der Mutter zunächst reduziert und die weitere Entwicklung beobachtet.

Verhalten beobachten statt vorschnell interpretieren

Dieses Beispiel zeigt, warum es sinnvoll sein kann, nicht sofort eine vermeintliche Ursache festzulegen.

Hilfreicher ist es häufig, systematisch zu beobachten:

  • Wann tritt das Verhalten auf?

  • Was ist unmittelbar davor passiert?

  • Welche Personen waren anwesend?

  • Gibt es wiederkehrende Situationen?

  • Was verändert sich, wenn ein möglicher Auslöser verändert wird?

  • Gibt es körperliche Beschwerden oder andere mögliche medizinische Ursachen?

Das WHO-Programm iSupport for Dementia wurde speziell zur Unterstützung von Angehörigen von Menschen mit Demenz entwickelt und enthält unter anderem ein eigenes Modul zum Umgang mit Verhaltensänderungen.

 

Herausforderndes Verhalten bei Demenz kann viele Ursachen haben

Unruhe, Aggressivität, Umherwandern, Rufen, Schlafprobleme oder andere Verhaltensänderungen können bei Menschen mit Demenz sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Mögliche Faktoren sind beispielsweise:

  • Schmerzen,

  • Infektionen,

  • ein Delir,

  • Nebenwirkungen oder Veränderungen von Medikamenten,

  • Hunger oder Durst,

  • Schlafprobleme,

  • Reizüberflutung,

  • Langeweile oder fehlende Beschäftigung,

  • Angst oder Überforderung,

  • Schwierigkeiten bei der Kommunikation,

  • Seh- oder Hörbeeinträchtigungen,

  • Veränderungen der Umgebung,

  • nicht erfüllte Bedürfnisse,

  • Veränderungen gewohnter Tagesabläufe sowie

  • individuell bedeutsame Erfahrungen und biografische Faktoren.

Die NICE-Leitlinie NG97 empfiehlt deshalb vor einer medikamentösen oder nichtmedikamentösen Behandlung von belastendem Verhalten eine strukturierte Ursachenanalyse. Dabei sollen mögliche klinische und umgebungsbezogene Ursachen – beispielsweise Schmerzen, Delir oder eine ungeeignete Betreuungssituation – erkannt und berücksichtigt werden.

Auch die S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1 beschreibt psychische und Verhaltenssymptome bei Demenz und die Bedeutung nichtmedikamentöser beziehungsweise personenzentrierter Interventionen.

 

Nicht jedes herausfordernde Verhalten ist einfach „die Demenz“

Eine Veränderung des Verhaltens sollte nicht automatisch als unvermeidbare Folge einer Demenzerkrankung betrachtet werden.

Verhalten kann auch Ausdruck von Unwohlsein, Schmerzen, Angst, Überforderung, unerfüllten Bedürfnissen oder einer belastenden Umgebung sein.

Gerade wenn Menschen mit Demenz ihre Bedürfnisse oder Beschwerden sprachlich nicht mehr eindeutig mitteilen können, lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen.

Eine hilfreiche Frage kann sein:

„Was könnte uns dieses Verhalten sagen?“

statt ausschließlich:

„Wie können wir dieses Verhalten abstellen?“

Dieser Perspektivwechsel entspricht einem personenzentrierten Verständnis von Demenzbegleitung.

 

Wann sollte herausforderndes Verhalten medizinisch abgeklärt werden?

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen länger bestehenden Verhaltensmustern und plötzlich auftretenden Veränderungen.

Eine ärztliche Abklärung sollte insbesondere erfolgen, wenn Verhaltensänderungen:

  • plötzlich auftreten,

  • innerhalb kurzer Zeit deutlich stärker werden,

  • mit ausgeprägter Verwirrtheit verbunden sind,

  • nach einer Medikamentenumstellung beginnen,

  • mit Schmerzen, Fieber oder anderen körperlichen Beschwerden auftreten,

  • mit einer deutlichen Veränderung von Aufmerksamkeit oder Bewusstsein verbunden sind oder

  • eine Gefahr für die betroffene Person oder andere Menschen darstellen.

Gerade eine plötzlich auftretende Veränderung kann beispielsweise durch ein Delir, Schmerzen, eine Infektion, Medikamente oder andere akute Erkrankungen verursacht sein.

Die NICE-Leitlinie zum Umgang mit Agitation, Aggressivität und Belastung bei Demenz empfiehlt deshalb ausdrücklich, mögliche körperliche und umgebungsbezogene Ursachen zu untersuchen, bevor eine entsprechende Behandlung begonnen wird.

 

Was Angehörige aus den drei Fallbeispielen mitnehmen können

Die drei beschriebenen Beispiele zeigen keinen allgemeingültigen Lösungsweg. Jeder Mensch mit Demenz und jede Situation sind unterschiedlich.

Sie verdeutlichen jedoch einen wichtigen Grundsatz der personenzentrierten Demenzbegleitung:

Nicht nur das sichtbare Verhalten betrachten, sondern versuchen zu verstehen, was dahinterstehen könnte.

Hilfreich kann sein, systematisch zu beobachten:

  • Wann tritt das Verhalten auf?

  • Was geschieht unmittelbar davor?

  • Gibt es Schmerzen oder körperliche Beschwerden?

  • Hat sich die Medikation verändert?

  • Ist die Umgebung zu laut oder unruhig?

  • Ist die Person überfordert oder unterfordert?

  • Welche Gewohnheiten und Routinen hatte sie früher?

  • Welche Tätigkeiten geben ihr Sicherheit oder Freude?

  • Welche Menschen oder Situationen wirken beruhigend oder belastend?

  • Was verändert sich, wenn die Situation angepasst wird?

Die S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1, die NICE-Leitlinie zur Demenzversorgung und das WHO-Programm iSupport for Dementia bieten wissenschaftlich beziehungsweise fachlich fundierte Grundlagen für einen solchen personenzentrierten und ursachenorientierten Umgang mit Verhaltensänderungen.

Fazit

Herausforderndes Verhalten bei Demenz ist ein komplexes Phänomen, das sowohl für die betroffenen Personen als auch für deren Angehörige und Pflegekräfte belastend sein kann. Um adäquate Unterstützung zu bieten, ist es entscheidend, die individuellen Auslöser und Bedürfnisse der dementen Person zu verstehen. 

Dies erfordert Geduld, Empathie und oft eine intensive Zusammenarbeit zwischen Angehörigen, medizinischen Fachkräften und Betreuern. Die Entwicklung individueller Strategien zur Bewältigung herausfordernden Verhaltens kann die Lebensqualität aller Beteiligten verbessern. Es ist wichtig, auf eine respektvolle Kommunikation zu achten und die betroffenen Personen in ihrer Würde zu unterstützen. Professionelle Schulungen und der Austausch von Erfahrungen können wertvolle Ressourcen bieten, um den Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenz zu erleichtern.

Wissenschaftliche Grundlagen

DGN / DGPPN – S3-Leitlinie Demenzen, Living Guideline, Version 6.1, 2026
Aktuelle deutschsprachige Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Versorgung von Menschen mit Demenz, einschließlich psychischer und Verhaltenssymptome sowie nichtmedikamentöser Interventionen.
S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1 (AWMF)

National Institute for Health and Care Excellence – NICE NG97
NICE empfiehlt bei belastendem Verhalten eine strukturierte Suche nach möglichen klinischen und umgebungsbezogenen Ursachen sowie zunächst psychosoziale und umgebungsbezogene Interventionen.
NICE – Dementia: assessment, management and support

World Health Organization – iSupport for Dementia
WHO-Trainings- und Unterstützungsprogramm für Angehörige von Menschen mit Demenz. Es umfasst unter anderem den Umgang mit Verhaltensänderungen und alltäglichen Betreuungssituationen.
WHO – iSupport for Dementia

 

Medizinischer Hinweis

Die beschriebenen Fallbeispiele stammen aus der Beratungspraxis und dienen der Veranschaulichung. Sie erlauben keine allgemeingültigen Rückschlüsse auf die Ursache oder Behandlung von Verhaltensänderungen bei Demenz.

Verhaltensänderungen können körperliche, neurologische, psychiatrische, psychosoziale oder umgebungsbezogene Ursachen haben. Bei neu auftretenden, plötzlich zunehmenden oder ausgeprägten Veränderungen sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.

Medikamente sollten nicht eigenständig begonnen, verändert oder abgesetzt werden.

Fachlich geprüft von Andrea Stix, MSc – akademische Demenzexpertin.

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