Verhaltensweisen bei Demenz verstehen lernen – 6 Tipps

Vergesslichkeit und Verlust von Alltagsfähigkeiten sind Symptome der Krankheit Demenz. Was das Zusammenleben in einer Familie aber am stärksten belastet sind schwierige Verhalten, welche mit dem Krankheitsverlauf einhergehen.

Bestimmte Handlungsweisen von Menschen mit Demenz sind deshalb so herausfordernd, weil der Blickwinkel der erkrankten Person von der Sichtweise der pflegenden Person abweicht.

 

Grundsätzlich steckt hinter jedem Verhalten eine Ursache, die es gilt herauszufinden. Dabei helfen die Fragen: wann, wo, bei wem

Häufig entstehen Aggressionen, wenn sich der Betroffene in seinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen oder übergangen fühlt.

Andrea Stix, Demenz Beratung

von Andrea Stix, akademische Demenzexpertin, DonauUni Krems

Wir empfehlen daher in so einer Situation folgende 6 Schritte zur Problem- / Ursachenanalyse:

 

Schritt 1: Ruhe bewahren; wenn möglich auch kurzfristig den Raum verlassen, um die Verhaltensstörung zu entschärfen

Schritt 2: Anschuldigungen, Wut, verbale oder körperliche Angriffe nicht persönlich nehmen

Schritt 3: Wir sollten immer berücksichtigen dass hinter jedem Verhalten eine Ursache steckt.

Schritt 4: Ist das Verhalten tatsächlich ein Problem? Wenn wir die Ursache herausgefunden haben können wir an der Lösung arbeiten.

Schritt 5: Wenn es ein Problem ist, dann stellen wir uns die Frage: Wo, wann oder bzw. bei wem tritt das Problem auf? Manche Verhaltensweisen treten nur in einer bestimmten Umgebung, zu einer bestimmten Zeit oder bei einer bestimmten Person auf.

Schritt 6: Wie löse ich das Problem? siehe nachfolgende Beispiele

Beispiel A: Frau Mayer erzählt immer wieder die gleiche Geschichte

Frage Tipp 4: Ist das Verhalten tatsächlich ein Problem?

Antwort: Dieses Verhalten ist zwar störend, fügt aber weder der erkrankten Person noch dem Angehörigen einen Schaden zu.

Frage Tipp 5: Wo, wann oder bei wem tritt das Problem auf?

Antwort: Frau Mayer wird trotzdem ins Krankenhaus eingeliefert. Da Frau Mayer aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wird, löst das Angst aus und sie schlägt wild um sich.

Frage Tipp 6: Wie löse ich das erkannte Problem?

Um die erkrankte Person zu verstehen, sollte sich der Angehörige bzw. das Pflegepersonal in die Perspektive von Menschen mit Demenz stellen.

Wenn wir in ein Krankenhaus eingeliefert werden, dann sind wir auch nervös und unsicher. Und wenn wir lange auf die Diagnose warten müssen, macht sich aus Angst breit. Wie viel mehr leiden desorientierte Personen in einer solchen Situation?

Lösung: Ein vertrautes Gesicht gibt Sicherheit und minimiert die Angst.

Beispiel B: Herr Müller verweigert die Einnahme seiner Medikamente

Frage Tipp 4: Ist das Verhalten tatsächlich ein Problem?
 
Antwort: Die Nichteinnahme von bestimmten Medikamenten kann lebensbedrohlich sein.
 
Frage Tipp 5: Wo, wann oder bei wem tritt das Problem auf?
 

Manche Verhaltensweisen treten nur in einer bestimmten Umgebung, zu einer bestimmten Zeit oder bei einer bestimmten Person auf.

Antwort: Herr Müller fühlt sich gestresst, weil er Besuch von ehemaligen Arbeitskollegen erhält, an die er sich nicht erinnern kann. Er beginnt seine Besucher wüst zu beschimpfen.

Frage Tipp 6: Wie löse ich das erkannte Problem?

Um die erkrankte Person zu verstehen, sollte sich der Angehörige bzw. das Pflegepersonal in die Perspektive von Menschen mit Demenz stellen. Denken wir nur an unseren ersten Arbeitstag! Wie anstrengend war es, sich alle Namen der neuen Kollegen zu merken. Und wie haben wir uns gefühlt, wenn wir einen Namen vergessen haben?

Lösung: Wenn die Arbeitskollegen sich öfters im Gespräch mit Namen ansprechen, über gemeinsame Erinnerungen plaudern und entsprechende Fotos als Unterstützung dabeihaben, wird sich Herr Müller wohlfühlen.

Beispiel C: Frau Huber verweigert die regelmäßige Körperpflege

Frage Tipp 4: Ist das Verhalten tatsächlich ein Problem? 

Antwort: Die Verweigerung der regelmäßigen Körperpflege ist nicht Lebensbedrohlich kann aber zum die Ursache für Konflikte und Aggression für die pflegenden Angehörigen werden. 
 
Frage Tipp 5: Wo, wann oder bei wem tritt das Problem auf?

Manche Verhaltensweisen treten nur in einer bestimmten Umgebung, zu einer bestimmten Zeit oder bei einer bestimmten Person auf.

Antwort: Regelmäßiges Duschen funktioniert bei Pflegerin Karin problemlos. Bei Anwesenheit von Pflegerin Maria verweigert Frau Huber die Körperpflege.

Frage Tipp 6: Wie löse ich das erkannte Problem?

Um die erkrankte Person zu verstehen, sollte sich der Angehörige bzw. das Pflegepersonal in die Perspektive von Menschen mit Demenz stellen. Denken wir nur an unseren ersten Arbeitstag! Wie anstrengend war es, sich alle Namen der neuen Kollegen zu merken. Und wie haben wir uns gefühlt, wenn wir einen Namen vergessen haben?

Lösung: Wie haben wir uns gefühlt, als wir von einer Autoritätsperson degradiert wurden? Vielleicht agiert Maria nicht auf Augenhöhe. Oder Maria erinnert Frau Huber aufgrund ihres Aussehens an eine Person in ihrer Lebensgeschichte, mit der sie schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Zu den häufigsten herausfordernden Verhaltensweisen bei Demenz gehören:

1. Agitation

Personen, die unter Agitation leiden, haben einen enormen Bewegungsdrang. Sie können kaum stillsitzen, laufen ziellos auf und ab und stehen permanent unter immenser Anspannung.

Mögliche Auslöser:

  • störende Umgebung wie z.B. laute Musik

  • Unterforderung, weil sinnvolle Tätigkeit fehlt

  • Körperliche Faktoren wie Schmerzen

Unterstützt werden kann diese Person, in dem mit ihr einfach neben ihr geht, sie ruhig anspricht und auf diese Weise den inneren Stress abbaut.

2. Aggression

Aggression ist für viele Angehörige und Pflegepersonen die schlimmste herausfordernde Verhaltensweise. Egal ob verbale Attacken wie schimpfen, schreien oder spucken oder körperliche Angriffe wie schlagen, kratzen, beißen – der Umgang damit fällt oft schwer.

Mögliche Auslöser:

  • Reize aus der Umgebung wie z.B. Geräusche, Gerüche, fehlendes Tageslicht
  • Schwierigkeiten, seine Bedürfnisse mitzuteilen
  • Überforderung oder Unterforderung

Oft richten sich Zorn und Wut auf gegen die Krankheit oder die erkrankte Person selbst, weil bisher selbstverständliche Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt werden können. Desorientierung und Kontrollverlust verursachen oft Angst.

Unterstützt werden kann diese Person, in dem man ehrliches Verständnis zeigt, Ruhe und Sicherheit vermittelt. Sobald sich die Situation beginnt zu entspannen auf angenehme positive Themen umlenken. Im Hintergrund nach der Ursache forschen, um die vorhandenen Bedürfnisse möglichst erfüllen zu können.

3. Apathie

Apathie ist oft meinem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus gekoppelt. Die betroffenen Personen sind nachts oft wach und aktiv und tagsüber teilnahmslos und schläfrig.

Mögliche Auslöser:

  • Verlust der zeitlichen Orientierung
  • Mangel an Beschäftigung
  • Körperliche Symptome wie Stoffwechselerkrankungen

Unterstützt werden kann diese Person durch sinnvolle Beschäftigung, körperliche Bewegung und dem Einsatz von möglichst positiven Verstärkern (alle Aktivitäten, die Freude bereiten)

4. affektive Störungen

Darüber hinaus treten im Krankheitsverlauf oft noch folgende Verhaltensauffälligkeiten auf:

Hinter affektiven Störungen wie Weinerlicheit oder depressive Phasen wie z.B. „ich wünschte, ich wäre tot“ steckt meist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Unterstützt werden kann diese Person mit viel Nähe und Vermittlung von Sicherheit. Auch ehrliches Lob und Anerkennung für Tätigkeiten (auch wenn die Leistung nur minimal ist) können für die erkrankte Person sehr hilfreich sein.

5. Ängstlichkeit

Der Verlust von Fähigkeiten und die zunehmende Desorientierung führen oft auch zu verstärkter Ängstlichkeit:

  • Angst vor bevorstehenden Ereignissen
  • Angst vor dem alleine gelassen werden
  • Angst vor der Zukunft (Was passiert mit mir? Wem kann ich vertrauen?)

Unterstützt werden kann diese Person, in dem man Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, z.B. mit Hilfe einer Alltagsstruktur. Zusätzlich kann der Selbstwert der erkrankten Person gestärkt werden durch Wertschätzung der bisherigen Lebensgeschichte.

6. Halluzinationen

Wenn erkrankte Personen Dinge sehen, hören oder fühlen, die real nicht vorhanden sind, dann leiden sie unter Halluzinationen. Unterstützt werden kann diese Person, in dem man Geborgenheit vermittelt. 

Zuhören und auf das Erzählte eingehen (z.B. ich höre zwar die Stimme nicht, aber es muss schrecklich für dich) zeigt, dass man die erkrankte Person in seinen Gefühlen ernst nimmt. 

Hilfreich kann es sein, wenn man die Raumgestaltung verändert, in dem man für stärkere Beleuchtung sorgt und ev. Bilder oder Spiegel abnimmt.

Weitere Tipps finden Sie hier

Wir empfehlen folgendes Buch: „Herausforderndes Verhalten bei Demenz“  von Elvén, Agger, Ljungmann

Rezension von Andrea Stix, Akademische Demenzexpertin, Juni 2020

Herausforderndes Verhalten bei Demenz von Elvén, Agger, LjungmannJede Person, die einen Menschen mit Demenz unterstützt, ist im Laufe der Betreuung mit schwierigen Situationen konfrontiert. Herausfordernd sind diese Verhalten deshalb, weil sie nicht der erkrankten Person, sondern den Begleitpersonen einiges abverlangen. Wer nicht bereit ist, seine Einstellung und Haltung zu ändern, für den wird die Pflege immer anstrengender und konfliktreicher. Dieses Fachbuch ist deshalb so wertvoll, weil es Situationen beschreibt, die alltäglich sind in der Begleitung von Menschen mit Demenz.

Sie können sich in Heimen genauso abspielen wie im häuslichen Bereich. Nach einer gewissenhaften Analyse der Fallstudien werden Hinweise und Tipps gegeben für mögliche Veränderungen der provozierenden Situationen. Biografisches Wissen über die zu betreuende Person kann unterstützen, um der Ursache und dem dahintersteckenden Bedürfnis möglichst nahe zu kommen.

Es gilt jede Situation auf die Person individuell abzustimmen. Am Beginn ist das Erstellen eines „Aktionsplans“ sicher zeitaufwändig. Aber auf Dauer gesehen trägt es zum Wohlbefinden für alle Beteiligten bei, weil die Ereignisse bald anders verlaufen und somit das Konfliktpotential reduziert wird.

Neben vielen Fallbeispielen enthält dieses Nachschlagewerk auch eine Kurz-Beschreibung der häufigsten Demenzformen. Je nach Demenzform stehen andere Symptome im Vordergrund und dies sollte bei der Ausarbeitung des „Aktionsplans“ berücksichtigt werden. Weiters gibt es im Anhang Anregungen für Gruppendiskussionen sowie Literaturempfehlungen.