Sexualität und Demenz

2020-04-28T12:23:45+02:00

Das Thema Sexualität ist höchst persönlich und wird der Jugend zugesprochen. Zusätzlich zu diesem gesellschaftlichen Kontext haben ältere Menschen einige Barrieren zu überwinden in der Ausübung ihrer Sexualität. Der Körper verändert sich und die Einnahme von Medikamenten kann einen negativen Einfluss auf die Libido haben.

Grundsätzlich ist Sex aber bis ins hohe Alter möglich und gesund, auch wenn sich die einzelnen Phasen beim Geschlechtsakt im Alter etwas verändern. Und Sexualität ist individuell und jeder soll dieses Grundbedürfnis so gestalten können, wie es für ihn passend ist.

Menschen mit Demenz haben zusätzlich das Problem, dass alle Behandlungen und Handlungen auf den Fokus der Krankheit gerichtet sind. Auf die menschlichen Bedürfnisse dahinter wird oft keine Rücksicht genommen. Meistens werden sexuelle Wünsche als herausforderndes Verhalten der Krankheit Demenz zugeordnet und nicht als Bedürfnis der Person gesehen.

Während die Betroffenen ihre Sexualität in den eigenen vier Wänden oft gut leben, fristet dieses Thema in den meisten Institutionen noch ein Schattendasein. Hier gilt es viele Überlegungen einzubeziehen:

  • Oft suchen BewohnerInnen nach Zärtlichkeit und Berührung, welche über die normale Körperpflege hinausgeht. Wenn sie dabei unbewusst in die Intimzone des Pflegepersonals eintreten, dann wird das oft als sexueller Übergriff bewertet und auch im Personalakt so festgeschrieben

Beispiel aus meiner Demenzbegleitung
Herr K war auf seiner Station als „Sexmonster“ bekannt und so verhielt man sich ihm gegenüber auch. Weil er öfters anzügliche Bemerkungen fallen ließ und sich ab und zu auf sein bestes Stück griff, wurde ihm für ein paar Tage ein Ganzkörperanzug verpasst. Herr K, der bisher den Toilettengang noch gut erledigen konnte, wurde inkontinent.

Hätte sich das Personal mit der Biografie von Herrn K auseinandergesetzt, so hätten sie gewusst, dass er Zeit seines Lebens sexuell sehr aktiv war und daher kein Problemverhalten aufgrund seiner Demenz vorlag.

Da er auf dieser Station „abgestempelt“ war, wurde er von den Angehörigen verlegt. Dort konnte ich ihn noch viele Monate begleiten, ohne einen einzigen Übergriff auf mich oder andere Personen. Sein Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung wurde erkannt und gestillt.

  • Mangels Alternativen wird oft nach einem Partner im Heim Ausschau gehalten. Haben sich zwei Menschen gefunden, stehen sie wieder vor einem Problem. Es gibt in den wenigsten Heimen Räume, wo man ungestört intim werden kann. Und es gibt MitbewohnerInnen, die solch neue Beziehungen aus verschiedenen Gründen nicht goutieren.
  • Auch das Pflegepersonal ist hier gefordert. Sind es doch einige Fragen, die hier im Raum stehen und gelöst werden sollen: Wollen es beide Bewohner freiwillig oder wird einer genötigt? Was ist, wenn der Geschlechtsakt ohne Unterstützung durch das Pflegepersonal nicht mehr möglich ist? Was ist zu tun, wenn es noch Partnerschaften außerhalb der Institution gibt?

Nicht einfach zu beantworten. Noch dazu wo der Umgang mit der eigenen Sexualität bei der Sichtweise eine Rolle spielt. Fallbesprechungen über die weitere Vorgangsweise sind hier zum Wohle von BewohnerInnen und vom Pflegepersonal sehr hilfreich.

In einigen Institutionen werden Sexualbegleiter eingesetzt. Sie haben eine ganz spezifische Ausbildung und erfüllen die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse der Sexualität bei den BewohnerInnen. In Studien wurde festgestellt, dass dadurch nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessert wurde, sondern auch deren Medikamentenverbrauch gesunken ist.

Eine besondere Herausforderung ist die Sexualität für den Partner eines Menschen mit dementiellen Beeinträchtigungen. Vor allem dann, wenn er die Betreuung und Pflege übernommen hat. Was bei beginnender Demenz noch Erfüllung und Intimität sein kann, wird mit fortschreitendem Krankheitsverlauf zunehmend ein Problem. Wenn der pflegende Partner aufgrund der Inkontinenzversorgung oder aus Schuldgefühlen gegenüber der erkrankten Person sexuell blockiert ist, lohnt es eine Beratungsstelle aufzusuchen.

Unsere Empfehlung: Univ. Doz. Dr. Gerald Gatterer http://www.gatterer.at/

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Von |März 26th, 2020|Tipps für Angehörige, Tipps für den Alltag|