
Das Wichtigste in Kürze
Warum laufen sie weg? Meist steckt ein Ziel dahinter: einkaufen, zum früheren Arbeitsplatz, zum Elternhaus oder einfach Bewegungsdrang, Langeweile oder das Gefühl, eingesperrt zu sein.
Was hilft vorbeugend? Nachbarschaft informieren, Ausweis oder Adress-Armband, gemeinsame Spaziergänge, sinnvolle Beschäftigung und bei fortgeschrittener Demenz technische Hilfsmittel wie Chip-Armbänder.
Was tun im Notfall? Lieblingswege notieren, das Vorbereitungs-Formular für den Vermisstenfall bereithalten und sofort die Polizei verständigen – die Wartefrist entfällt bei Demenz.
Wenn Menschen mit Demenz weglaufen, dann ist das sowohl für Menschen mit Demenz als auch für deren Betreuungspersonen mit Angst verbunden.
Das Verhalten wird auch Weglauftendenz bzw. Hinlauftendenz und Wandertrieb genannt. Laut Welt-Alzheimer-Report 2022 zeigt etwa jede zweite bis dritte an Alzheimer erkrankte Person im Verlauf der Erkrankung eine Hinlauftendenz.
Das Verlassen der Wohnung oder des Heims kann für die erkrankte Person Eigen- oder Fremdgefährdung bedeuten.
4 mögliche Motive für das Verlassen der Unterkunft.
Zunächst hilft es, sich einmal bewusst zu machen, dass die erkrankte Person mit einem bestimmten Vorhaben das traute Heim verlässt. Das Ziel kann dabei völlig unterschiedlich sein.
Mögliche Ziele sind zum Beispiel:
- etwas einzukaufen
- den früheren Arbeitsplatz aufzusuchen
- einen Freund zu besuchen
Vielfach ist es aber geplant, zum Elternhaus zu spazieren, weil die erkrankte Person sich dort die Geborgenheit erwartet, die sie im Moment vermisst.
- Es gibt Menschen, die sich immer gerne körperlich betätigt haben. Sie wollen dies auch weiterhin tun. Ein Spaziergang im Freien hat schließlich auch einen positiven Effekt auf andere körperliche Bereiche wie Verdauung und Erhalt der Mobilität.
- Es gibt Berufe, die überwiegend im Freien stattfinden. Haben die Betroffenen etwa in der Landwirtschaft, einer Gärtnerei oder in der Baubranche gearbeitet, so könnte der Wunsch nach Frischluft damit zusammenhängen.
- Manche Menschen gehen auch aus Langeweile spazieren. Sie hoffen, nette Leute zu treffen oder sind unterwegs zu einem Kaffeeklatsch bzw. Stammtisch ins nahe Wirtshaus.
- Manches Mal haben die Betroffenen aber das Gefühl, eingesperrt zu sein, und unternehmen einen Fluchtversuch, um sich das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung zu erfüllen.
Welche Möglichkeiten gibt es, den Wandertrieb zu reduzieren?
Ganz ehrlich: Es gibt kein Rezept, das auf alle Menschen mit Demenz angewandt werden kann, weil jeder einzigartig ist und es daher unterschiedliche Gründe gibt. Die Lebensgeschichte der erkrankten Person unterstützt dabei, die Ursache für das Weglaufen zu finden.
Hier finden Sie ein Beispiel aus meiner Praxis:
Frieda lebt bei ihren Kindern, vieles ist anders geworden. Oft hat sie Sehnsucht nach ihrem Elternhaus und immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, versucht sie dorthin zu gelangen. Ihre Tochter Monika erzählt mir, wie sie dann verzweifelt nach ihrer Mutter sucht, die aufgrund mangelnder Orientierung irgendwo herumirrt. Je länger die Suche dauert, desto mehr schleicht sich auch die Angst ein: Hoffentlich ist nichts passiert.
Einsperren ist ja auch keine Lösung, oder? – Nein! Auf keinen Fall!
Es gibt 5 einfache Tipps zur Unterstützung von Menschen mit Demenz:
- Es sollten möglichst viele Personen in der Umgebung von der Erkrankung Ihres Angehörigen informiert werden. Denn wenn die Menschen aus der Nachbarschaft über die Krankheit Bescheid wissen, werden sie auf die betroffene Person aufmerksam und diese sicher gerne, nach Hause begleiten. (siehe auch unsere Seite Bücher rund um das Thema Demenz, Hanna Fiedler „Unser Leben zu dritt“)
- Menschen mit Demenz sollten immer einen Personalausweis in der Tasche haben. Im späteren Krankheitsverlauf kann dies auch ein Armband oder eine Visitenkarte mit dem Namen sein, der Adresse und der Tel.-Nr. eines Angehörigen, der im Notfall kontaktiert werden soll.
- Wenn die Betroffenen einen erhöhten Bewegungsdrang haben, dann schaffen lange Spaziergänge mit vertrauten Personen Abhilfe. So könnte eine Freundin sie zum Kaffeeklatsch oder ein Nachbar zum Stammtisch begleiten. In ländlichen Gebieten freuen sich die erkrankten Personen auch, wenn sie auf einen Ausflug zu den Feldern oder dem nahen Wald eingeladen werden.
- Gegen aufkommende Langeweile hilft Beschäftigung. Auch Menschen mit Demenz haben das Bedürfnis, sinnstiftende Tätigkeiten durchzuführen. Werden sie in den Arbeitsalltag eingebunden und mit Aufgaben betraut, so verstärkt sich nicht nur das Gefühl „gebraucht zu werden“, sondern es reduziert auch die Bevormundung. Dadurch wird „Gefängnisatmosphäre“ vermieden und es entsteht kein Bedürfnis zu flüchten.
- Für Menschen mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf unterstützt auch die moderne Technik. In Institutionen werden die Bewohner mit Chip in Armbändern oder Kleidung ausgestattet, die beim Verlassen einer bestimmten Umgebung Alarm auslösen.
Was ist zu tun, wenn Menschen mit Demenz nicht nach Hause zurückfinden?
Auch Menschen, die bisher bestimmte Wege – wie z. B. zum Bäcker ums Eck oder zum Treffen mit Bekannten im nahen Stadtpark – gut bewältigt haben, können aufgrund der Erkrankung plötzlich die Orientierung verlieren. Oder trotz vieler Vorkehrungen verlassen Betroffene trotzdem alleine die vertraute Umgebung und finden nicht mehr zurück.
Für diesen Fall empfehlen wir folgende Schritte:
- Notieren Sie sich die bevorzugten Wege bzw. Lieblingsplätze Ihres erkrankten Angehörigen.
- Füllen Sie vorab das Formular „Vorbereitung auf einen möglichen Vermisstenfall“ aus und halten Sie es für den Notfall bereit – wohnt Ihr Angehöriger in einem Pflegeheim, hinterlegen Sie es dort.
- Tritt der Notfall ein, verständigen Sie umgehend die nächste Polizeistation.
Wichtiger Hinweis: Laut Bundeskriminalamt entfällt bei Menschen mit Demenz die Wartefrist für eine Abgängigkeitsanzeige. Laut oesterreich.gv.at spielt die Dauer der Abgängigkeit für die Anzeige bei der Polizei grundsätzlich keine Rolle – das gilt nicht nur bei Demenz.


Medizinischer Hinweis
Die Inhalte dieser Seite und der FELIX Kognitions-Check dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung. Sie ersetzen keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle medizinische Beratung. Bei neu auftretenden, zunehmenden oder den Alltag beeinträchtigenden Veränderungen von Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Verhalten oder anderen kognitiven Fähigkeiten sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Häufige Fragen
Versuchen Sie, mögliche Gründe wie Unruhe, Langeweile oder das Bedürfnis, einen früheren Ort aufzusuchen, zu verstehen. Ausreichend Bewegung und Beschäftigung tagsüber können das Bedürfnis nach Weglaufen reduzieren. Sicherheitsmaßnahmen wie Türsicherungen oder GPS-Tracker erhöhen die Sicherheit im Ernstfall. Informieren Sie Nachbarn über die Situation.
Sichern Sie Türen mit zusätzlichen, für die Person schwerer zu bedienenden Verschlüssen. Ein Bewegungsmelder oder eine Türklingel-Alarmfunktion kann Angehörige rechtzeitig informieren. Untersuchen Sie mögliche Ursachen wie Verwirrtheit, Hitzegefühl oder das Bedürfnis, einen früheren Ort aufzusuchen. Bei wiederholtem Auftreten sollte dies ärztlich besprochen werden.
Persönliche Unterstützung bei Demenz
Wir begleiten Sie persönlich – telefonisch, online oder vor Ort.
