Uli Zeller arbeitete mehrere Jahre als Krankenpfleger im Bereich der ambulanten und stationären Altenhilfe

Sein Theologiestudium schloss er mit einer Masterarbeit zum Thema „Demenz und Seelsorge“ ab. Seit 2008 ist er als Betreuer und Seelsorger in einem Altenheim in Singen tätig. Menschen mit Demenz lieben seine humorvollen Geschichten, Andachten, Rätsel und Gedichte.

Weshalb ist Geschichten vorlesen generell hilfreich für Menschen mit Demenz?

Beobachten Sie einmal kleine Kinder, wie früh sie aufmerksam beim Erzählen zuhören. Und wie bald sie damit beginnen, selber zu erzählen. Während einer Demenz entwickeln sich die verschiedenen Fähigkeiten ungefähr in der umgekehrten Reihenfolge zurück, wie sie in der Kindheit entstanden sind. Da also das Erzählen früh in der Kindheit angelegt wird, bleibt es häufig lange erhalten. Demente Menschen sind anfänglich noch für die Inhalte der Geschichten offen. Ist die Demenz fortgeschritten, treten andere Gesichtspunkte in den Vordergrund. Etwa die Sprachmelodie. Redensarten, die sie wieder erkennen. Oder einfach die Tatsache, dass Vorlesen bedeutet: Jemand ist jetzt da. Die Stimme signalisiert Nähe. Sie vermittelt Geborgenheit.

Wann ist eine Geschichte demenz-freundlich?

Eine Geschichte ist demenz-freundlich, wenn sie „funktioniert“. Wenn Betroffene zuhören. Wenn man sie mit Wortspielen, Redensarten und Rätseln abholen kann. Wenn sie sich beim Zuhören beruhigen.

Ich habe zwei Bücher zum Vorlesen für demente Menschen geschrieben – ein „Andachtsbuch“ und eines mit „fröhlichen Geschichten“ und einen Ratgeber für Angehörige, der im Herbst 2016 erscheint. Manchmal denke ich tatsächlich, ich wisse jetzt wie es geht. Aber das ist pure Vermessenheit. Wenn ich dann meine am Schreibtisch ausgedachten Geschichten nehme und in der Praxis vorlese, merke ich oft: Da liege ich ganz schön daneben. Das funktioniert so eben noch nicht. Weil es vielleicht die Zuhörer überfordert oder negative Erinnerungen anstößt. Dann notiere ich die Schwachstellen, nehme meine Geschichte wieder nach hause und überarbeite sie. So lange, bis sie funktioniert. Viele Geschichten habe ich dann irgendwann aussortiert. Weil sie nicht geeignet waren. Andere zehn oder 20-Mal überarbeitet. Erst dann hab ich die Texte als so gut erachtet, dass ich sie mit gutem Gewissen Dritten in die Hand geben kann, um sie dementen Menschen vorlesen zu können. Mein Ziel ist, dass die Texte von Jederfrau und Jedermann eingesetzt werden können.

Was und wie haben Sie Menschen mit Demenz zu diesen Geschichten inspiriert

Vieles ist im Alltag entstanden. Die alte Dame, die Geld sparen will. Also lässt sie das Hörgerät ausgeschaltet, um Strom zu sparen. Oder die Tatsache, dass demente Menschen sich darüber freuen, wenn sie Redensarten oder Volkslieder erkennen. Dann habe ich diese an verschiedenen Stellen eingebaut. Oder die Frau, der die Tochter verboten hat, bei glattem Winterwetter ins Restaurant zu gehen, um dort ihr Abbonementessen zu speisen. Sturzgefahr. Weil die alte Dame dann aber die Telefonnummer des Restaurants nicht gefunden hat, hat sie sich persönlich im Restaurant abgemeldet – indem sie hin marschiert ist. Über die glatte Straße. Solche lustigen Geschichten finden Sie in meinem Buch „Frau Janzen geht tanzen. Fröhliche Geschichten zum Vorlesen für Menschen mit Demenz“. Auch die Andachten in meinem Andachtsbuch „Frau Krause macht Pause“ wurden oft aus dem Alltag heraus geboren.

Zu Ihren Andachten gibt es auch immer einen Tipp mit Anschauungsmaterial. Welchen Vorteil sehen Sie in der Einbeziehung der Sinne?
Das stimmt nur beinahe. Es gibt zu jeder Geschichte einen Praxistipp. Aber nicht alle Tipps haben mit den Sinnen zu tun. Die Tipps sollen Hilfe bieten, um als Vorleser dazu zu lernen, ohne mit Ratschlägen erschlagen zu werden.

Viele dieser Tipps haben aber tatsächlich mit den fünf Sinnen des Menschen zu tun: Sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen. Die Sinne ermöglichen ein ganzheitlicheres Denken und stoßen Erinnerungen an. Zum Beispiel der Geruchssinn. Wenn Sie nach dreißig Jahren wieder in das Haus Ihrer Kindheit kommen und den Geruch einatmen, mit dem Sie aufgewachsen sind werden in Ihnen Filme aus Ihrer Kindheit ablaufen. Ähnlich können Sinnesreize beim dementen Menschen Bereiche aktivieren, die man nur durch Vorlesen nur schwierig ansprechen kann.

Was möchten Sie mit Ihren Andachten den Menschen mit Demenz vermitteln? Steht die Bibel oder die sinnvolle Beschäftigung von Menschen mit Demenz im Vordergrund?

Mein erstes Buch „Frau Krause macht Pause“ enthält Andachten. Bewusst kommt auch in jeder Geschichte ein Bibelvers vor. Einerseits weckt die Bibel viele Erinnerungen bei den Menschen, die heute dement sind. Andererseits bin ich selber Christ und glaube daran, dass Gott durch die Bibel zu uns redet. Daher will ich die Bibel nicht auf die Erinnerungen reduzieren, die sie anstößt, sondern diesem Wort Gottes eine eigene Kraft zugestehen. Andererseits soll mein Buch aber auch sehr praktisch sein. Es geht darum, dass man die Geschichten konkret anwenden kann. Nehmen wir die Titelgeschichte „Frau Krause macht Pause“.

Darin geht es um eine Frau, die das Gefühl hat, dass sie jede freie Minute im Garten arbeiten muss. Sie hat den Ehrgeiz, den schönsten Garten in der Straße zu haben. Frau Krause ist richtig angetrieben. In dieser Geschichte finden sich demente Menschen wieder. Denn häufig sind sie auch unruhig. Frau Krause kommt dann aber zur Erkenntnis, dass sie doch auch mal ne Pause braucht. Und sie legt sich hin und ruht aus. Demente Menschen klinken sich oft mit ein, wenn sie das hören und werden ruhig. Sie leben auf der Gefühlsebene mit Frau Krause mit. Als kleiner biblischer Impuls kommt dann am Ende der Geschichte der Satz, dass Gott die Welt ja auch in sechs Tagen geschaffen hat und am siebten Tag ruhte. Mein Ziel war also, dass sinnvolle Beschäftigung und die Weisheiten der Bibel Hand in Hand gehen.

Sie sind sowohl Krankenpfleger als auch Seelsorger. Wie wichtig ist aus Ihrer Praxiserfahrung die psychosoziale Betreuung von Menschen mit Demenz?
Ich denke da an den schönen Satz: „Seelsorge ist nicht Sorge um die Seele des Menschen, sondern um den Menschen als Seele.“ Der Mensch ist etwas Ganzes. Alles hängt zusammen. Es geht nicht nur darum, dass er satt und sauber ist und seine Wunden verbunden werden. Er braucht Menschen, die für ihn da sind, Zeit für ihn haben, auf ihn eingehen. Je mehr psychosoziale Betreuung angeboten wird, umso weniger Beruhigungsmittel muß man geben. Davon bin ich überzeugt.

Hierzu empfehle ich auch eine meiner Kolumnen. Übrigens finden Sie alle zwei Wochen eine neue Kolumne von mir auf der Seite die-pflegebibel.de – sie heißt „Uli & die Demenz“ und enthält Tipps und Gedanken rund um (den Umgang mit) Demenz.

Was könnte man verbessern, dass Menschen mit Demenz nicht nur Unterstützung für die körperlichen Belange, sondern auch für den Geist und die Seele erhalten?

Erstens: Mehr Personal, das sich Zeit nehmen kann für die Bewohner. Viele alte Menschen langweilen sich. Damit sie sich nicht ganz so einsam vorkommen, lassen sie den Fernseher laufen. Den ganzen Tag. Das fördert eine Demenz. Wir brauchen Aktivierung statt Ablenkung. Beziehungen statt Berieselung. Menschen statt Mattscheibe. Wir brauchen zweitens nicht nur mehr, sondern auch geschultes Personal, das mit dementen Menschen umgehen und sie abholen kann. Und drittens muss es uns gelingen, demente Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Ich habe gerade eine dazu passende Kolumne geschrieben mit dem Titel „Willkommenskultur für Menschen mit Demenz“.

Bücher & Kolumne von Uli Zeller

  • Frau Janzen geht tanzen. Fröhliche Geschichten zum Vorlesen für Menschen mit Demenz. Brunnen-Verlag.
  • Frau Krause macht Pause. Andachten zum Vorlesen für Menschen mit Demenz. Brunnen-Verlag.
  • Kolumne „Uli & die Demenz“ auf www.die-pflegebibel.de – Gedanken und Tipps zu Demenz – alle zwei Wochen neu