
Nicht jede Vergesslichkeit, Verwirrtheit oder Verhaltensänderung bedeutet automatisch eine Demenz – manchmal liegt eine Fehldiagnose Demenz vor, die sich bei genauerer Abklärung nicht bestätigt. Manchmal besteht zunächst der Verdacht auf eine Demenzerkrankung, der sich bei genauerer Untersuchung nicht bestätigt. In anderen Fällen können körperliche oder psychische Erkrankungen Beschwerden verursachen, die einer Demenz ähneln.
Das Wichtigste in Kürze
Warum Fehldiagnose? Manche Beschwerden wirken wie Demenz, sind es aber nicht: Delir, Flüssigkeitsmangel, Medikamente, Depression oder andere Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen.
Wann aufmerksam werden? Wenn kognitive Veränderungen neu auftreten, zunehmen, den Alltag beeinträchtigen oder plötzlich innerhalb von Stunden bis Tagen entstehen – Letzteres deutet eher auf ein Delir als auf Demenz hin.
Was hilft? Nur eine sorgfältige fachärztliche Diagnostik mit mehreren Untersuchungsschritten kann klären, was wirklich hinter den Symptomen steckt – ein einzelner Test reicht nicht aus.
Gerade deshalb ist eine sorgfältige medizinische Abklärung wichtig.
Die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1 und die NICE-Leitlinie zur Demenzdiagnostik empfehlen bei Verdacht auf Demenz eine umfassende Diagnostik.
Abhängig von der individuellen Situation gehören dazu:
- Anamnese und kognitive Untersuchungen
- körperliche Untersuchungen
- Laboruntersuchungen
- Überprüfung von Medikamenten
- gegebenenfalls bildgebende und weiterführende diagnostische Verfahren
Die folgenden Beispiele aus meiner Praxis zeigen, warum es wichtig ist, genauer hinzusehen.
Fehldiagnose Demenz? Nicht jede Verwirrtheit bedeutet Demenz
„Mein Vater ist innerhalb weniger Tage vollkommen verwirrt und orientierungslos geworden. Er erkennt seine Umgebung kaum wieder und verhält sich plötzlich ganz anders.“
Solche oder ähnliche Schilderungen höre ich immer wieder von Angehörigen.
Bei einem meiner Klienten war die Veränderung so ausgeprägt, dass er schließlich ins Krankenhaus gebracht wurde. Dort stellte sich heraus, dass er deutlich zu wenig Flüssigkeit aufgenommen hatte. Nach der medizinischen Behandlung besserte sich sein Zustand wieder.
Dieser Fall zeigt, warum eine plötzlich auftretende Verwirrtheit nicht vorschnell als Demenz oder Fortschreiten einer bestehenden Demenz interpretiert werden sollte.
Ein typischer Verlauf vieler Demenzerkrankungen entwickelt sich über einen längeren Zeitraum. Eine akute Veränderung innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen kann dagegen beispielsweise mit einem Delir, einer Infektion, Flüssigkeitsmangel, Medikamenten oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.
Die NICE-Leitlinie zur Demenzdiagnostik nennt unter anderem Delir, Depression, Seh- und Hörbeeinträchtigungen sowie kognitive Beeinträchtigungen durch Medikamente als mögliche Ursachen, die im Rahmen der Diagnostik berücksichtigt werden sollten.
Fallbeispiel: Ist Herr Krotik tatsächlich an Demenz erkrankt?
Frau Krotik kontaktiert mich, weil sie sich große Sorgen um ihren Mann macht. Ihrer Meinung nach hat er sich in letzter Zeit stark verändert.
Bei unserem ersten Gespräch fällt mir auf, dass Herr Krotik kaum selbst zu Wort kommt. Seine Frau beantwortet viele Fragen für ihn und beschreibt ausführlich, welche Veränderungen sie an ihm beobachtet.
Herr Krotik selbst wirkt dabei eher zurückhaltend.
Ob dies seinem langjährigen Kommunikationsverhalten entspricht, mit der aktuellen Situation zusammenhängt oder andere Ursachen hat, lässt sich aus einer solchen Beobachtung allein natürlich nicht beurteilen.
Frau Krotik sieht in meinen Trainings die Chance, ihren Mann wieder stärker zu aktivieren. Bevor wir jedoch über mögliche Trainings- oder Begleitungsmaßnahmen sprechen, ist für mich eine andere Frage entscheidend:
Liegt überhaupt eine medizinisch gesicherte Demenzdiagnose vor?
Ich empfehle deshalb eine fachärztliche Abklärung.
Warum eine sorgfältige Demenzdiagnostik wichtig ist
Eine Demenz kann nicht anhand einzelner Verhaltensbeobachtungen oder eines kurzen Gedächtnistests diagnostiziert werden.
Nach der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen 2026 und den Empfehlungen von NICE umfasst die Diagnostik mehrere Bausteine.
Dazu können unter anderem gehören:
- Anamnese und Fremdanamnese
- körperliche und neurologische Untersuchungen
- validierte kognitive Tests
- Laboruntersuchungen
- bildgebende Verfahren
Bei unklaren Befunden können weiterführende neuropsychologische Untersuchungen notwendig sein.
Wichtig ist außerdem: Ein unauffälliges Ergebnis bei einem einzelnen kognitiven Kurztest kann eine Demenzerkrankung nicht sicher ausschließen.
Genau deshalb sollte ein Verdacht auf Demenz medizinisch abgeklärt werden.
Fallbeispiel: Frau Mayer macht sich Sorgen um ihr Gedächtnis
Frau Mayer kommt zu mir, weil sie zunehmend Angst hat, an Demenz erkrankt zu sein.
Sie erzählt mir von Situationen, in denen ihr Namen oder bestimmte Begriffe nicht sofort einfallen. Manchmal geht sie in einen Raum und weiß im ersten Moment nicht mehr, was sie dort eigentlich erledigen wollte.
Solche Situationen machen ihr zunehmend Angst.
Wir sprechen ausführlich über ihren Alltag und ihre Beobachtungen. Zusätzlich führe ich mit ihr einige orientierende Übungen durch.
Dabei ergeben sich in unserem Gespräch keine eindeutigen Hinweise auf eine Demenz. Das beruhigt Frau Mayer zunächst.
Ich erkläre ihr jedoch auch, dass einzelne kognitive Übungen oder Tests eine Demenzerkrankung weder sicher bestätigen noch sicher ausschließen können.
Die NICE-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass eine Demenz nicht allein aufgrund eines normalen Ergebnisses bei einem kognitiven Test ausgeschlossen werden darf.
Bei neu auftretenden, zunehmenden oder den Alltag beeinträchtigenden kognitiven Veränderungen ist deshalb eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Vergesslichkeit bedeutet nicht automatisch Demenz
Mit zunehmendem Alter können sich bestimmte kognitive Fähigkeiten verändern. Beispielsweise kann das Abrufen von Informationen länger dauern.
Gelegentlich einen Namen zu vergessen oder etwas zu verlegen bedeutet daher nicht automatisch, dass eine Demenzerkrankung vorliegt.
Aufmerksam sollte man jedoch werden, wenn Veränderungen zunehmen und beginnen, den Alltag zu beeinträchtigen – beispielsweise wenn Orientierung, Sprache, Planung, Urteilsvermögen oder die selbstständige Bewältigung gewohnter Tätigkeiten zunehmend schwieriger werden.
In solchen Fällen sollte die Ursache medizinisch abgeklärt werden.
Andere Erkrankungen können einer Demenz ähneln
Kognitive Veränderungen können viele unterschiedliche Ursachen haben.
Deshalb gehört zur Demenzdiagnostik auch die Suche nach anderen möglichen Erklärungen für die Beschwerden.
Die NICE-Leitlinie NG97 empfiehlt unter anderem körperliche Untersuchungen sowie geeignete Blut- und Urinuntersuchungen, um behandelbare beziehungsweise andere Ursachen kognitiver Veränderungen zu erkennen.
Mögliche Ursachen oder Einflussfaktoren können beispielsweise sein:
- ein Delir,
- Depressionen und andere psychische Erkrankungen,
- Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen von Medikamenten,
- Seh- und Hörbeeinträchtigungen,
- Infektionen,
- Flüssigkeitsmangel,
- Stoffwechsel- oder hormonelle Erkrankungen,
- Schlafstörungen,
- neurologische Erkrankungen sowie
- andere körperliche Erkrankungen.
Welche Untersuchungen notwendig sind, hängt von den individuellen Beschwerden und der medizinischen Vorgeschichte ab.
Fallbeispiel: Wenn eine andere Erkrankung hinter den Symptomen steckt
Eine weitere Begebenheit aus meiner Praxis zeigt, wie wichtig es sein kann, Veränderungen nicht vorschnell einer Demenz zuzuschreiben.
Eine Angehörige berichtet mir von ihrer Großmutter, deren kognitive Fähigkeiten sich deutlich verändert haben. Zunächst steht auch hier die Frage einer möglichen Demenzerkrankung im Raum.
Bei der weiteren medizinischen Untersuchung wird jedoch ein Hirntumor festgestellt.
Nach der entsprechenden medizinischen Behandlung verbessert sich der Zustand der Großmutter deutlich.
Dieses Beispiel zeigt: Kognitive Veränderungen können unterschiedliche neurologische oder andere medizinische Ursachen haben.
Eine genaue Diagnose ist deshalb entscheidend, bevor Beschwerden einer Demenzerkrankung zugeschrieben werden.
Depression oder Demenz?
Auch eine Depression kann mit Beschwerden verbunden sein, die zunächst an eine Demenzerkrankung denken lassen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- Konzentrationsprobleme
- verminderter Antrieb
- Schlafstörungen
- subjektive Gedächtnisbeschwerden
Früher wurden kognitive Beschwerden, die beispielsweise im Rahmen einer Depression auftreten können, teilweise als „Pseudodemenz“ oder „Scheindemenz“ bezeichnet. Diese Begriffe gelten heute als missverständlich, da die kognitiven Beeinträchtigungen tatsächlich bestehen und sorgfältig abgeklärt werden müssen.
Wichtig ist außerdem: Depression und Demenz schließen einander nicht aus. Beide Erkrankungen können auch gleichzeitig auftreten.
Eine zuverlässige Unterscheidung ist anhand einzelner Symptome oder Verhaltensweisen nicht möglich.
Auch die NICE-Leitlinie zur Demenzdiagnostik nennt Depression ausdrücklich als eine mögliche Ursache kognitiver Beeinträchtigungen, die bei der diagnostischen Abklärung berücksichtigt werden sollte.
Bei unklaren Befunden können ausführlichere neuropsychologische Untersuchungen zur Differenzialdiagnostik beitragen.
Plötzliche Verwirrtheit: Auch an ein Delir denken
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn sich der geistige Zustand eines Menschen innerhalb weniger Stunden oder Tage deutlich verändert.
Eine Person wirkt beispielsweise plötzlich:
- stark verwirrt,
- desorientiert,
- ungewöhnlich schläfrig oder unruhig,
- unaufmerksam,
- ängstlich oder
- völlig anders als gewöhnlich.
Dann kann ein Delir vorliegen.
Ein Delir ist ein akut auftretender Verwirrtheitszustand und muss medizinisch abgeklärt werden. Es kann unter anderem im Zusammenhang mit Infektionen, Medikamenten, Operationen oder anderen akuten körperlichen Erkrankungen auftreten.
Besonders wichtig: Auch Menschen, die bereits an Demenz erkrankt sind, können zusätzlich ein Delir entwickeln.
NICE empfiehlt, bei unklarer Abgrenzung zwischen Delir und Demenz beziehungsweise einem Delir bei bestehender Demenz das mögliche Delir vorrangig zu berücksichtigen.
Fallbeispiel: Einsamkeit, Rückzug und kognitive Beschwerden
Auch soziale und psychische Belastungen können sich auf das Wohlbefinden und die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen auswirken.
Ein älterer Herr wird von seiner Familie zunehmend als vergesslich, desinteressiert und zurückgezogen wahrgenommen. Für die Angehörigen stellt sich deshalb die Frage, ob möglicherweise eine Demenzerkrankung begonnen hat.
Im Gespräch zeigt sich jedoch auch, dass er sehr einsam ist, kaum soziale Kontakte hat und einen großen Teil des Tages alleine verbringt.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Einsamkeit die Ursache seiner kognitiven Beschwerden ist.
Einsamkeit, depressive Symptome, fehlender Antrieb und kognitive Beschwerden können jedoch miteinander verbunden sein. Deshalb ist es wichtig, nicht nur einzelne Symptome zu betrachten, sondern die gesamte Lebenssituation eines Menschen einzubeziehen.
Gleichzeitig sollten neu auftretende oder zunehmende kognitive Veränderungen medizinisch abgeklärt werden.
Soziale Kontakte, Bewegung, sinnvolle Beschäftigungen und Aktivitäten können unabhängig von einer möglichen Diagnose einen wichtigen Beitrag zu Lebensqualität und Wohlbefinden leisten.
Was kann vor einer Fehldiagnose Demenz schützen?
Es geht nicht darum, eine Demenzerkrankung möglichst schnell zu bestätigen oder auszuschließen.
Entscheidend ist eine sorgfältige und umfassende Diagnostik.
Dazu gehört, Veränderungen ernst zu nehmen, ihren zeitlichen Verlauf zu betrachten und mögliche andere Ursachen zu prüfen.
Die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen – Living Guideline, Version 6.1 (2026) bietet dafür den aktuellen wissenschaftlichen Rahmen für die Diagnostik und Behandlung von Demenzerkrankungen.
Auch die NICE-Leitlinie zur Demenzdiagnostik betont, dass die Diagnose nicht auf einem einzelnen kognitiven Test beruhen darf und andere mögliche Ursachen kognitiver Veränderungen berücksichtigt werden müssen.
Wann sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen?
Eine medizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll, wenn Gedächtnisprobleme oder andere kognitive Veränderungen:
- neu auftreten,
- zunehmend stärker werden,
- den Alltag beeinträchtigen,
- mit Orientierungsproblemen verbunden sind,
- von deutlichen Persönlichkeits- oder Verhaltensänderungen begleitet werden oder
- Angehörigen zunehmend auffallen.
Plötzlich auftretende starke Verwirrtheit oder deutliche Veränderungen innerhalb weniger Stunden oder Tage sollten rasch medizinisch abgeklärt werden.
Demenzverdacht: Beobachten, ernst nehmen und abklären
Meine Erfahrung aus der Begleitung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeigt mir immer wieder, wie wichtig genaues Beobachten und Zuhören sind.
Nicht jede Vergesslichkeit ist Demenz.
Nicht jede Verhaltensänderung ist Demenz.
Und nicht jede plötzlich auftretende Verwirrtheit bedeutet, dass eine bestehende Demenz fortgeschritten ist.
Gleichzeitig darf die Angst vor einer möglichen Fehldiagnose nicht dazu führen, deutliche Veränderungen zu ignorieren.
Beobachtungen aus dem Alltag können wichtige Hinweise liefern – die medizinische Diagnose und Differenzialdiagnostik gehören jedoch in ärztliche beziehungsweise fachärztliche Hände.
Ein paar Jahre später hatte ich von der Enkelin eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie bat um ein Beratungsgespräch, weil die Großmutter jetzt einige Symptome einer Demenz aufwies. Die Enkelin wollte sich über die Krankheit informieren. Bei diesem Termin war die komplette Familie anwesend. Während die Angehörigen von verschiedenen Situationen erzählten und Fragen stellten, beobachtete ich die Großmutter, die teilnahmslos in einem Lehnstuhl saß.
Ich versuchte, sie ins Gespräch einzubeziehen, aber sie blieb fast stumm. Ihr Ehemann brachte mit meiner Frage nach der Alltagsstruktur den entscheidenden Hinweis: „Den Haushalt führe ich, denn meine Frau liegt fast den ganzen Tag im abgedunkelten Zimmer. Ich bin froh, wenn es mir gelingt, sie zumindest zu den Mahlzeiten in die Küche zu holen.“
Depression und Demenz können ähnliche Symptome haben
Mein Verdacht, dass die Großmutter eine schwere Depression hat, wurde von ärztlicher Seite bestätigt, entsprechende Medikamente wurden verordnet. Zusätzlich wurde ein wöchentlicher Besuch meinerseits als Unterstützung für die Großeltern vereinbart.
Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Vergesslichkeit können auch auf eine Depression hinweisen. Im Unterschied zur Demenz kann diese psychische Erkrankung allerdings besser behandelt werden. Neben Antidepressiva können alle stimmungsaufhellenden Aktivitäten das Wohlbefinden unterstützen. Hier können Angehörige neben der Lichttherapie auch soziale Kontakte fördern und für ausreichend Bewegung sorgen. Sie können mehr von dem anbieten, was der betroffenen Person Freude bereitet und sie mit leichten Entspannungstechniken unterstützen.
Menschen mit einer Depression können sich meist sehr gut orientieren und haben selten Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen. Sie sprechen auch offen über ihr Leiden, während Menschen mit einer beginnenden Demenz oft versuchen, ihre Defizite zu verstecken. Diese Unterschiede sind jedoch nicht immer eindeutig und ersetzen keine fachärztliche Abklärung.
Da Depression und Demenz oft parallel verlaufen, ist eine Abgrenzung oft nicht so eindeutig erkennbar. Auch hier gilt wieder die Empfehlung einer fundierten ärztlichen Abklärung. Häufig wird hierfür der TFDD (Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung) eingesetzt.
Delir versus Demenz
Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass ältere Menschen ein hohes Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken. Was hingegen oft nicht bedacht wird: Hinter Verwirrtheit und starker Erregbarkeit muss nicht immer eine dementielle Erkrankung stecken.
Frau Kraft ist dankbar, dass ich auch an einem Sonntag das Telefon abhebe. Sie beschreibt mir kurz die Situation: Ihr Vater sei sonst ein sehr ruhiger Zeitgenosse, der sich noch gut mit Worten ausdrücken könne. Jetzt rede er – ohne ersichtlichen Grund – extrem verwirrt und befinde sich in einem körperlich schlechten Zustand. Da kein ärztlicher Notdienst zur Verfügung steht, empfehle ich die Einweisung in ein Krankenhaus, um die Symptomatik rasch abzuklären.
Weshalb diese Reaktion meinerseits? Der Vater von Frau Kraft hat die Diagnose einer beginnenden Alzheimer-Demenz. Nicht jedes Verhalten und nicht jede Situation sind automatisch einer Demenzerkrankung zuzuordnen. Da bei der Beschreibung der aktuellen Situation keine besondere Veränderung im täglichen Ablauf vorgenommen wurde, könnte auch eine andere Erkrankung dahinterstecken.
Wie sich später herausstellte, war ein beginnender Infekt der Auslöser für ein Delir. Der wesentliche Unterschied zu einer demenziellen Erkrankung liegt im Beginn.
Ein Delir setzt innerhalb kurzer Zeit ein. Mögliche Anzeichen sind:
- starke Desorientierung und Halluzinationen
- starke Unruhe und Gereiztheit
- schwankende Aufmerksamkeit
- körperliche Symptome wie Fieber oder Herzrasen
Ähnliche Symptome bei Depression: Fehldiagnose Demenz Beispiel „Viel in Bewegung, aber immer allein“
Eine besondere Begegnung hatte ich mit der Familie Kruder. Tochter Susanne möchte eine Beratung. Sie will wissen, wie sie ihre Mutter besser unterstützen kann. Wir vereinbaren einen Termin, damit ich ihre Mutter persönlich kennenlernen kann. Sehr bald erfahre ich, dass der berufstätigen Tochter sehr wichtig ist, dass ihre Mutter eine gute Tagesstruktur bekommt.
Im Gespräch mit der Mutter erfahre ich, dass sie sehr bewegungsfreudig ist und viel spazieren geht, aber immer allein unterwegs ist. Sie fühlt sich als Fremde in diesem Dorf, obwohl sie seit über zehn Jahren hier lebt. Seit dem Tod ihres Mannes wohnt sie bei der Tochter. Aber außer der Fußpflegerin, die regelmäßig ins Haus kommt, hat sie keine Kontakte. Sie drückte ihre Einsamkeit auch in Worten aus, indem sie beklagte, dass sich keiner für sie und ihr Leben interessiere. Selbst ihre Kinder und Enkelkinder seien ständig unterwegs. Sie habe oft das Gefühl, nur eine Belastung zu sein.
Erlebte und gefühlte Einsamkeit haben einen starken Einfluss auf das körperliche und seelische Wohlbefinden. Diese Belastung wirkt sich auf den Körper wie chronischer Stress aus und kann auch Symptome wie bei einer Depression oder Demenz hervorrufen. Diese Anzeichen aufgrund von gefühlter Isolation bilden sich bei entsprechenden Gegenmaßnahmen ebenso zurück wie bei dem oben beschriebenen Flüssigkeitsmangel oder bei möglichen Wechselwirkungen von Medikamenten.
Die Symptome wie Vergesslichkeit, Desinteresse oder starke Stimmungsschwankungen können in diesem Fall durch die erlebte Einsamkeit und die damit verbundene psychische Belastung erklärt werden – nicht durch eine tatsächliche Demenzerkrankung. Daher ist es so wichtig, bei Veränderungen eine umgehende fachärztliche Diagnostik in Anspruch zu nehmen und nicht die Menschen automatisch als dementiell beeinträchtigt hinzustellen.
Bei Familie Kruder hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Die Mutter freut sich auf meine wöchentlichen Besuche, wo ein auf ihre Bedürfnisse und Wünsche abgestimmtes Gedächtnistraining durchgeführt wird. Zusätzlich besucht sie zweimal pro Woche ein Tageszentrum für Senior:innen, unterstützt mittlerweile das sonntägliche Pfarr-Café und erhält jetzt auch regelmäßig Besuch von ihrer Familie.
Wissenschaftliche Grundlagen
- DGN / DGPPN – S3-Leitlinie Demenzen, Living Guideline, Version 6.1, 2026
- Aktuelle deutschsprachige evidenzbasierte Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Demenzerkrankungen.
- S3-Leitlinie Demenzen 2026 – Version 6.1 (AWMF)
- National Institute for Health and Care Excellence – NICE NG97
- Empfehlungen zur Diagnostik von Demenzerkrankungen und zur Abklärung anderer möglicher Ursachen kognitiver Veränderungen.
- NICE – Dementia: assessment, management and support
Medizinischer Hinweis
Die auf dieser Seite beschriebenen Fallbeispiele stammen aus der Beratungspraxis und dienen der Veranschaulichung. Einzelne Beobachtungen oder kognitive Übungen können eine Demenzerkrankung weder sicher bestätigen noch ausschließen.
Die Informationen dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle medizinische Beratung.
Bei plötzlich auftretender starker Verwirrtheit oder einer deutlichen akuten Veränderung des geistigen Zustands sollte rasch medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
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Häufige Fragen
Neben Depressionen können Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangel, Infektionen, Medikamentennebenwirkungen oder ein Normaldruckhydrozephalus demenzähnliche Symptome verursachen. Auch Stress, Schlafmangel oder ein Delir können vorübergehend die geistige Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen. Diese Ursachen sind oft gut behandelbar, weshalb ihr Ausschluss zentraler Bestandteil jeder gründlichen Diagnostik ist.
Ja, eine Depression im Alter kann Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit und Antriebslosigkeit verursachen, die einer beginnenden Demenz stark ähneln – man spricht von 'Pseudodemenz'. Der wichtige Unterschied: Depressionen sind behandelbar, und die kognitiven Symptome bessern sich oft deutlich, wenn die Stimmung sich stabilisiert. Eine sorgfältige Differentialdiagnose ist daher wichtig.
Zusätzliche Erkrankungen wie Infektionen können die kognitiven Symptome bei Demenz deutlich verschlechtern und sollten daher rasch ärztlich abgeklärt werden. Achten Sie besonders auf Anzeichen wie plötzliche Verwirrtheit, die auf ein Delir hindeuten können. Sorgen Sie für ausreichend Flüssigkeit und Ruhe, auch wenn die Person selbst dies nicht mehr aktiv einfordern kann.
Ein Delir tritt plötzlich auf, oft innerhalb von Stunden, und geht mit stark schwankender Aufmerksamkeit und manchmal auch Halluzinationen einher, während normales demenzbedingtes Vergessen sich schleichend über längere Zeit entwickelt. Bei einem Delir wirkt die Person oft phasenweise fast normal und dann wieder stark verwirrt. Bei plötzlicher, starker Verwirrtheit sollte immer rasch ärztliche Hilfe gesucht werden.
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