Fehldiagnose Demenz – Achtung !

Oft wird allzu schnell ein Mensch aufgrund seines Verhaltens als demenzkrank abgestempelt.

Dieser Beitrag soll das Bewusstsein schärfen, dass sich manchmal ein Verdacht auf Demenz nicht bestätigt.

«Schnell, schnell kommen Sie, es ist so weit», ruft eine aufgeregte Stimme ins Telefon. Ich sage Herrn Rubich* zunächst, dass ich ausreichend Zeit habe für sein Problem. Ich lade ihn mit ruhiger Stimme ein, mich über die aktuelle Situation zu informieren. Herr Rubich erzählt mir, dass sein Vater völlig verwirrt und orientierungslos sei. Er schließt mit den Worten: «Dass er jetzt so schnell dement geworden ist, ist schlimm!»

Wir vereinbaren einen Termin. Herr Rubich folgt meiner Empfehlung, den Hausarzt hinzuzuziehen, damit dieser sonstige Krankheiten ausschließen könnte. Der Hausarzt wies Herrn Rubich ins Spital ein, wo sich herausstellt, dass der ältere Herr mit beginnender Inkontinenz zu wenig getrunken hat. Meine Beratung ist also nicht mehr nötig.

Fehldiagnose Demenz Beispiel 1: Herr Krotik fügt sich seiner Frau

Das ältere Ehepaar Krotik hat sich für eine Beratung angemeldet. Frau Krotik beginnt schon zu erzählen, während ich noch ihren Mann begrüße. Zunächst höre ich von ihrer schweren Kindheit, die sie gestählt habe. Sie sei nun dankbar dafür, weil sie sonst in dieser Situation verzweifeln würde. Seit ihr Mann eine Demenz habe, sei er wie Kind, sie müsse sich um alles kümmern.

Ihr Mann sitzt still daneben, so als würde ihn das alles nichts angehen. Selbst als ich mich direkt an ihn wende, gibt seine Partnerin die Antworten. Frau Krotik sieht in meinen Trainings die Chance, ihren Mann wieder zu aktivieren und die Demenz zu eliminieren. Meinen Verdacht, dass der Mann einfach in seiner Beziehung gelernt hat, alles über sich ergehen zu lassen und sich widerstandslos zu fügen, behalte ich zunächst für mich.

Ich empfehle eine Untersuchung beim Neurologen. Wir vereinbaren ein weiteres Treffen, wo wir anhand des Befundes die nächsten Schritte besprechen werden. Da keine Demenz-Diagnose gestellt worden ist, unterbreite ich Herrn Krotik Vorschläge, wie er jene Tätigkeiten, die er früher gerne gemacht hat, mit sozialen Aktivitäten verknüpfen kann. Jetzt sehe ich zum ersten Mal ein Lächeln auf seinem Gesicht. Ich begleite Frau Krotik noch eine Zeit lang telefonisch, bis sie ihrem Mann diesen Freiraum zugestehen kann.

Wie diese Beispiele aus der Praxis zeigen, wird oft einer Person aufgrund eines Symptoms oder Verhaltens der Stempel «Demenz» aufgedruckt. Diese Person hat kaum mehr eine Chance, wieder aus dieser Schublade zu kommen. Deswegen ist eine gute Diagnostik so wichtig.

Abklärung bringt Gewissheit

Frau Mayer kommt zu mir in die Praxis, weil sie zunehmend vergesslich ist. Wir unterhalten uns sehr lange. Sie kann dem Gespräch gut folgen und zögert bei keiner dieser Fragen

  • Wie haben Sie den gestrigen Tag verbracht?
  • Haben Sie sich auf vertrauten Wegen, zum Beispiel zum Frisör oder zum Bäcker, schon einmal verlaufen?
  • Wie oft vergessen Sie Termine, wie zum Beispiel Treffen mit Freundinnen oder die Sonntagsjause bei Ihren Kindern?
  • Wann sind Sie geboren?
  • Haben Sie Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen wie zum Beispiel kochen?

Auch der Uhrentest und eine kleine Merkfähigkeitsübung bereiten Frau Mayer keine Schwierigkeiten. Ich kann sie beruhigen und ihr mitteilen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit lediglich eine normale Altersvergesslichkeit vorliegt.

So wie der Körper unterliegt auch das Gehirn einem natürlichen Alterungsprozess. Dadurch sinkt die geistige Leistungsfähigkeit und die Denkprozesse werden langsamer. Selbstverständlich empfehle ich auch ihr einen Facharzt aufzusuchen und gebe ihr entsprechende Adressen mit.

Fehldiagnose Demenz Beispiel 2: Alt, aber nicht dement

So ähnlich ist der Termin mit Herrn Fischer verlaufen. Seine Tochter ist der Meinung, dass Ihr Vater Wortfindungsstörungen hat und endlich etwas dagegen unternehmen soll. Herr Fischer kommt zum vereinbarten Termin, obwohl er selbst nicht das Gefühl hat, dass etwas schlechter geworden ist. Er trifft sich regelmäßig mit Freunden und Bekannten, organisiert sich seinen Tagesablauf selbst und hält sich mit Gartenarbeit fit. 

Er berichtet, dass seine Tochter sehr beunruhigt ist, weil er ihrer Meinung nach Anzeichen für eine Demenz hat. Er sei nicht mehr so flexibel wie vor einigen Jahren. Manchmal fallen ihm Namen von neuen Bekannten nicht mehr ein. Auch bei Herrn Fischer stellt sich bei einer ausführlichen ärztlichen Untersuchung heraus, dass seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten dem Alter entsprechen und somit derzeit keine Demenz vorliegt.

Jeder Mensch verlegt ab und zu Gegenstände, vergisst Namen von Personen oder vielleicht den Code seiner Bankomatkarte. Wesentlich ist, dass es im Großen und Ganzen keine unüberwindbaren Hürden im Alltag gibt. Wer aber wie Frau Mayer das subjektive Empfinden hat, dass er sich im Vergleich zu früher weniger merkt oder seine Interessen verliert, vermehrt nach verlegten Gegenständen sucht oder wichtige Termine vergisst, sollte dies auf keinen Fall einfach akzeptieren. 

Es könnte sich nämlich auch um Vorboten einer späteren Alzheimer-Demenz handeln. Deswegen sollte vorsorglich ein regelmäßiges Gedächtnistraining absolviert und beeinflussbare Risikofaktoren wie hoher Blutdruck behandelt werden. Überdies sollte immer ein Facharzt hinzugezogen werden. So hat die Unsicherheit für die Betroffenen und deren Angehörige ein Ende, und andere Erkrankungen können ausgeschlossen oder behandelt werden.

Es war keine Demenz, sondern ein Hirntumor

Wie wichtig eine ausführliche Diagnostik ist, erlebte auch die Familie Lund. Hier kontaktierte mich die Enkelin. Sie war völlig niedergeschlagen, weil ihre heiß geliebte Großmutter sie nicht mehr erkannte. Diese war bereits von ihrem Hausarzt ins Spital zur Durchuntersuchung eingewiesen worden. Es sollte abgeklärt werden, ob ein Zusammenhang mit anderen Krankheiten besteht. Auf diese Weise konnte rasch ein Hirntumor entdeckt werden, der mittels Chemotherapie so verkleinert werden konnte, dass die Verbindung zu den Nervenzellen wieder gut funktionierte. Die Großmutter konnte wieder fast ohne Einschränkungen leb

Ein paar Jahre später hatte ich von der Enkelin Lund eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie bat um ein Beratungsgespräch, weil die Großmutter jetzt einige Symptome einer Demenz aufwies. Die Enkelin wollte sich über die Krankheit informieren. Bei diesem Termin war die komplette Familie anwesend. Während die Angehörigen von verschiedenen Situationen erzählten und Fragen stellten, beobachtete ich die Großmutter, die teilnahmslos in einem Lehnstuhl saß. 

Ich versuchte sie ins Gespräch einzubeziehen, aber sie blieb fast stumm. Ihr Ehemann brachte mit meiner Frage nach der Alltagsstruktur den entscheidenden Hinweis: «Den Haushalt führe ich, denn meine Frau liegt fast den ganzen Tag im abgedunkelten Zimmer. Ich bin froh, wenn es mir gelingt, sie zumindest zu den Mahlzeiten in die Küche zu holen.»

 

Depression und Demenz können ähnliche Symptome haben

Mein Verdacht, dass die Großmutter eine schwere Depression hat, wurde von ärztlicher Seite bestätigt, entsprechende Medikamente wurden verordnet. Zusätzlich wurde ein wöchentlicher Besuch meinerseits als Unterstützung für die Großeltern vereinbart.

Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Vergesslichkeit können auch auf eine Depression hinweisen. Im Unterschied zur Demenz kann diese psychische Erkrankung allerdings besser behandelt werden. Neben Antidepressiva können alle stimmungsaufhellenden Aktivitäten das Wohlbefinden unterstützen. Hier können Angehörige neben der Lichttherapie auch soziale Kontakte fördern, für ausreichend Bewegung sorgen. Sie können mehr von dem anbieten, was der betroffenen Person Freude bereitet und mit leichten Entspannungstechniken unterstützen. 

Menschen mit einer Depression können sich meist sehr gut orientieren und haben selten Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen. Sie sprechen auch offen über ihr Leiden, während Menschen mit einer beginnenden Demenz oft versuchen, ihre Defizite zu verstecken.

Da Depression und Demenz oft parallel verlaufen, ist eine Abgrenzung oft nicht so eindeutig erkennbar. Auch hier gilt wieder die Empfehlung einer fundierten ärztlichen Abklärung. Häufig wird hierfür der TFDD (Test zur Früherkennung von Demenz mit Depressionsabgrenzung) eingesetzt.

Delir versus Demenz

Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass alte Personen ein hohes Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken. Was hingegen oft nicht bedacht wird: Hinter Verwirrtheit und starker Erregbarkeit muss nicht immer eine dementielle Erkrankung stecken.

Frau Kraft ist dankbar, dass ich auch an einem Sonntag das Telefon abhebe. Sie beschreibt mir kurz die Situation: Ihr Vater sei sonst ein sehr ruhiger Zeitgenosse, der sich noch gut mit Worten ausdrücken könne. Jetzt rede er – ohne ersichtlichen Grund – extrem verwirrt und befinde sich in einem körperlich schlechten Zustand. Da kein ärztlicher Notdienst zur Verfügung steht, empfehle ich die Einweisung in ein Krankenhaus, um die Symptomatik rasch abzuklären.

Weshalb diese Reaktion meinerseits? Der Vater von Frau Kraft hat die Diagnose einer beginnenden Alzheimer-Demenz. Nicht jedes Verhalten und nicht jede Situation sind automatisch einer Demenzerkrankung zuzuordnen. Da bei der Beschreibung der aktuellen Situation keine besondere Veränderung im täglichen Ablauf vorgenommen wurde, könnte auch eine andere Erkrankung dahinterstecken.

Wie sich später herausstellte, war ein beginnender Infekt der Auslöser für ein Delir. Der wesentliche Unterschied zu einer demenziellen Erkrankung liegt im Beginn. Ein Delir setzt innerhalb kurzer Zeit ein und hat geistige Symptome wie starke Desorientierung und Halluzinationen, aber auch starke Unruhe und Gereiztheit oder schwankende Aufmerksamkeit sowie körperliche Symptome wie Fieber oder Herzrasen.

Fehldiagnose Demenz Beispiel 3: Viel in Bewegung aber immer allein

Eine besondere Begegnung hatte ich mit der Familie Kruder. Tochter Susanne möchte eine Beratung. Sie will wissen, wie sie ihre Mutter besser unterstützen kann. Wir vereinbaren einen Termin, damit ich ihre Mutter persönlich kennenlernen kann. Sehr bald erfahre ich, dass der berufstätigen Tochter sehr wichtig ist, dass ihre Mutter eine gute Tagesstruktur bekommt.

Im Gespräch mit der Mutter erfahre ich, dass sie sehr bewegungsfreudig ist und viel spazieren geht, aber immer allein unterwegs ist. Sie fühlt sich als Fremde in diesem Dorf, obwohl sie seit über zehn Jahren hier lebt. Seit dem Tod ihres Mannes wohnt sie bei der Tochter. Aber außer der Fußpflegerin, die regelmäßig ins Haus kommt, hat sie keine Kontakte. Sie drückte ihre Einsamkeit auch in Worten aus, in dem sie beklagte, dass sich keiner für sie und ihr Leben interessiere. Selbst ihre Kinder und Enkelkinder seien ständig unterwegs. Sie habe oft das Gefühl, nur eine Belastung zu sein.

Erlebte und gefühlte Einsamkeit haben einen starken Einfluss auf das körperliche und seelische Wohlbefinden. Diese Belastung wie für den Körper wie chronischer Stress und kann auch Symptome wie bei einer Depression oder Demenz hervorrufen. Diese Anzeichen aufgrund von gefühlter Isolation bilden sich bei entsprechenden Gegenmaßnahmen ebenso zurück wie bei dem oben beschriebenen Flüssigkeitsmangel oder bei möglichen Wechselwirkungen von Medikamenten.

Die Symptome wie Vergesslichkeit oder Desinteresse oder starke Stimmungsschwankungen entsprechen in diesem Fall einer Scheindemenz. Daher ist es so wichtig, bei Veränderungen eine umgehende fachärztliche Diagnostik in Anspruch zu nehmen und nicht die Menschen automatisch als dementiell beeinträchtigt hinzustellen.

Bei Familie Kruder hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Die Mutter freut sich auf meine wöchentlichen Besuche, wo ein auf ihre Bedürfnisse und Wünsche abgestimmtes Gedächtnistraining durchgeführt wird. Zusätzlich besucht sie zweimal pro Woche ein Tageszentrum für Senior:innen, unterstützt mittlerweile das sonntäglichen Pfarr-Café und erhält jetzt auch regelmäßig Besuch von ihrer Familie.

Dieser Blogartikel wurde auch veröffentlicht unter Blogs – Hausbesuch – alzheimer.ch