Andrea Stix
akademische Demenzexpertin
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Demenz Krisenhotline

Demenz: Das verlorene Selbst betrifft auch Angehörige

Das verlorene Selbst ist nicht nur für die an Demenz erkrankte Person eine große Herausforderung.

Das verlorne Selbst betrifft fast immer auch die pflegenden Angehörigen.

Ähnlich wie der Krankheitsverlauf bei den Betroffenen ist auch die Selbstaufgabe ein schleichender Prozess und deswegen schwierig zu erkennen. Der Ausbruch einer schweren Krankheit kann die extreme Folge der Missachtung sämtlicher Warnsignale sein.
Das verlorene Selbst ist ein anderer Ausdruck für: seinen eigenen Körper nicht mehr spüren, keinen Ausweg mehr sehen. Oder du empfindest drohende Angst zu ersticken im Alltagstrott oder an der Vereinsamung. Überleg mal, ob du deine ganz persönlichen eigenen Bedürfnisse noch kennst. Schenkst du dir selbst genügend Zeit oder gehörst du zum großen Prozentsatz der Pflegepersonen, die nur mehr für den Kranken leben?

Das verlorene Selbst beginnt, wenn aus einer ehemals liebevolle Beziehung zum pflegenden Angehörigen ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht.

Der kranke Mensch projiziert seine Bedürfnisse auf die Pflegekraft und diese hört auf, den eigenen Weg zu gehen.

Dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn die ehemals so gute Beziehung zur Routine oder gar zur Qual wird. Du lächelst immer weniger, dafür erhalten deine negativen Gefühle Zündstoff. Du ärgerst dich zunächst über dich selbst, bist manchmal verzweifelt und zornig. Dann ist es nur mehr ein kleiner Schritt und du empfindest Wut oder Hass auf den erkrankten Menschen.

Lass es gar nicht so weit kommen!

Ziehe rechtzeitig die Notbremse und lerne auf deinen eigenen Bedürfnisse zu achten. Wenn du gerade dabei bist zu denken, das kann niemals funktionieren, dann mache dir bewusst: wenn du im Krankenhaus landest ist weder dir noch deinem kranken Angehörigen geholfen.
Nimm dir also einige Minuten Zeit, schließe deine Augen und spüre ganz bewusst deinen Körper. Konzentriere dich dabei nur auf deinen Atem. Nachdem du ein wenig zur Ruhe gekommen bist, schreibe nun deine ganz persönliche Wunschliste.

Dies kann ein Hobby sein oder ein Treffen mit Freunden oder eine Wanderung oder ein Konzertbesuch. Schreibe einfach alles auf, was dir in diesem Moment in den Sinn kommt, ohne darüber nachzudenken, ob es machbar ist oder nicht.
Auf einem weiteren Blatt Papier notierst du nun alle jene Hilfsangebote, die dir bei der Betreuung deines kranken Angehörigen unter die Arme greifen können, wieder unabhängig davon, ob du diese tatsächlich in Anspruch nehmen wirst. Es können Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn, ehrenamtliche Besuchsdienste, etc. auf dieser Liste stehen.

In einem nächsten Schritt brauchst du ein wenig Mut – jene Person oder Organisation bei der es dir am leichtesten fällt rufst du an und vereinbarst eine bestimmte Zeit, wo die Betreuung übernommen wird. Nimm jede Hilfe an, die du kriegen kannst und vertraue darauf, dass die „Unterstützer“ mit deinem kranken Angehörigen gut auskommen werden.

Wenn es dir leichter fällt, kannst du ja mal nur drei Stunden vereinbaren. In dieser Zeit gönnst du dir einen Friseurbesuch oder einen Spaziergang oder du machst es dir bei deiner Lieblingsmusik so richtig gemütlich.

Du trägst auf diese Weise nicht nur zur eigenen Gesundheit bei. Du wirst auch feststellen, dass die Beziehung zu deinem Menschen mit Demenz wieder mehr positive Energie bekommt.

Also warte nicht darauf, dass du dein Selbst verlierst. Pflege dein Selbst so liebevoll wie die an Demenz erkrankte Person!