
Das Wichtigste in Kürze
Warum „Engel“? Andrea Stix bekommt beim Besuch im Pflegeheim viel Zeit, Aufmerksamkeit und echte Wertschätzung – das macht sie für manche Menschen mit Demenz zum „Engel“.
Was macht den Unterschied? Zeit haben, um in Ruhe zu essen, zu spüren und wahrgenommen zu werden – das fehlt Pflegekräften und Angehörigen im Alltag oft.
Was zählt wirklich? Schon ein Gruß, ein Lächeln oder eine warme Hand reichen, damit sich ein Mensch mit Demenz respektiert und wertgeschätzt fühlt.
„Sie sind mein Engel“, höre ich schon von weitem, als ich die Tür ins Pflegeheim öffne.
Die Stimme gehört einer älteren Dame, die ihrer Sitznachbarin gerade stolz erklärt, wer ich bin.
Sie sind mein Engel. Bei diesen Worten beginne ich automatisch zu lächeln.
Ein Engel?
Ich habe doch keine Flügel und keinen Zauberstab. Ich kann weder Wünsche erfüllen noch körperliche Schmerzen oder Vergesslichkeit wegzaubern..
Sie sind mein Engel. Ich ein Engel? Nein, ich bin doch nur eine ganz gewöhnliche Frau, die ihrer Tätigkeit nachkommt. Seit Jahren besuche ich in diesem Heim eine ganz liebe ältere Dame mit fortgeschrittener Demenz. Während meiner Anwesenheit soll sie etwas Positives erleben, abseits ihrer körperlichen und geistigen Verluste, abseits ihrer Sorgen und Nöte, die sie nicht mehr verbal äußern kann.
In dieser Zeit soll sie wichtig sein, einfach spüren, dass sie ok ist, so wie sie ist. Die Dame ist weit über 90 Jahre alt, hat viel Lebenserfahrung und viel geleistet. Sie hat Respekt und Wertschätzung verdient. So gut ich kann und mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln soll sie eine schöne Zeit erleben.
Zeit ist für sie ein wertvolles Geschenk, denn Pflegekräfte und oft auch Angehörige haben keine Zeit.
Wie gut schmeckt doch das Essen, wenn man Zeit hat, es zu genießen. Den Geschmack und den Geruch wahrzunehmen und das eigene Ess-Tempo zu bestimmen. Vielleicht zwischendurch auch mal eine Pause einlegen, um ein wenig zu trinken. Ja, das braucht Zeit und Geduld. Und ihre strahlenden Augen und ihr Lächeln berühren mich sehr oft. Diese Bescheidenheit und Dankbarkeit und die menschliche Wärme, die mir dann ehrlich entgegengebracht wird, sind nicht mit Geld aufzuwiegen.
Aber jene Dame, die – so scheint es – immer am Flur sitzt, um auf mich zu warten, bekommt nur einen Gruß und ein „Wie geht es Ihnen heute?“, und keine stundenlange Aufmerksamkeit meinerseits. Sie weiß nicht, woher ich komme, wohin ich gehe oder wie ich heiße. Es ist ihr nicht wichtig. Vielleicht bekommt diese Dame nie Besuch, vielleicht gehen unzählige Menschen tagtäglich an ihr vorüber, ohne sie zu beachten.
Vielleicht spürt sie, dass ich in dem Augenblick, wo ich das Pflegeheim betrete, meine Person draußen vor der Tür lasse, damit ich mich ganz auf die Menschen einlassen kann, die mir hier begegnen.
„Sie sind ein Engel.“ Hat nicht jeder Mensch verdient, dass man ihm mit Respekt und Wertschätzung begegnet? Ein lieber Gruß, ein Lächeln, eine warme Hand oder ein paar Worte reichen für diese Frau, dass sie in mir einen Engel sieht.
Wenn das so ist, dann können auch Sie und Sie und Sie ein Engel sein – dann brauchen wir keinen Welt-Alzheimer-Tag mehr, weil wir dann eine große Familie sind, in der jeder seinen Platz hat!

Rendezvous der Herzen
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