Validation bei Demenz

2020-03-19T10:00:41+01:00

Validation ist eine von Naomi Feil begründete Kommunikationsmethode, welche zum besseren Verständnis von an Demenz erkrankten Menschen dient.

Aufgrund ihrer jahrelangen Beobachtungen in einem Pflegeheim, stellt Naomi Feil fest, dass desorientierte Menschen vor allem psychische und soziale Bedürfnisse haben und man diesen Menschen mit speziellen verbalen und nonverbalen Techniken bei der Erfüllung dieser Bedürfnisse unterstützen kann.

Naomi Feil hat anhand der körperlichen und emotionalen Charakteristika die Desorientierung der Menschen in vier Stadien unterteilt.

In jeder der 4 Stadien der Erkrankung treten andere Bedürfnisse in den Vordergrund:

1. Mangelhaft orientierte Menschen haben Angst vor dem Verlust ihrer körperlichen und kognitiven Fähigkeiten. Sie suchen eine Kommunikation auf Augenhöhe und vermeiden Berührungen. Veränderungen versuchen mit ihren jeweils erlernten Bewältigungsstrategien zu regulieren. Wenn in ihrem Leben bisher unterdrückte Gefühle an die Oberfläche kommen, dann unterstützt die Validation bei der Aufarbeitung.
2. Zeitverwirrte Menschen können noch gut Ereignisse erinnern, die länger zurückliegen; ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert kaum mehr. Oft werden Personen von der Gegenwart mit bekannten Personen von der Vergangenheit verwechselt und Familienangehörige werden mitunter nicht mehr erkannt. Sie drücken sich über ihre Gefühle aus und brauchen Bezugspersonen, die sich ihnen mit Berührung und direktem Blickkontakt respektvoll zuwenden.
3. Menschen in der Phase der sich wiederholenden Bewegungen haben nur mehr geringe Aufmerksamkeitsspannen, ziehen sich oft zurück und drücken ihre Gefühle unkontrolliert über den Körper aus. Mit Stimme, Berührung und Augenkontakt findet man Zugang zu diesen Personen. Obwohl sie die Fähigkeit zu sprechen fast verloren haben, können sie meistens noch Lieder singen, die sie in ihrer Kindheit gelernt haben.
4. Personen, die sich in der Phase des Vegetierens befinden, haben sich meistens vollständig in sich zurückgezogen, sind fast unbeweglich und reagieren kaum mehr auf die Außenwelt. Mit sanften Berührungen und Musik kann es gelingen einen Blickkontakt herzustellen.


Die Akzeptanz der vorhandenen Gefühle steht in unserer Arbeit im Zentrum.

Wir kommunizieren einfühlsam und urteilsfrei mit unseren Klienten, wissend, dass jedes Verhalten auf eine ganz bestimmte Ursache zurückzuführen ist.

Was sind nun die eigenen Voraussetzungen, um diese Technik erfolgreich einsetzen zu können?

Sympathie ist hier nicht ausreichend, denn dabei handelt es sich um eine objektiv gefühlte Einstellung zu einer anderen Person. Empathie ist die wesentliche Grundlage für diese Methode. Hierbei geht es um die Fähigkeit zu spüren was die andere Person fühlt, selbst dann, wenn man deren Situation nicht erlebt hat.

Naomi Feil betont immer wieder, dass das Einfühlungsvermögen viel wichtiger ist als die Technik, weil Wörter manches Mal von den Personen nicht gehört werden, die Emotion aber immer wahrgenommen wird.

Dieses besondere Mitgefühl kann man erreichen durch ehrlichen Umgang mit den eigenen Emotionen.

Beispiel 1 - Wenn ich denke....

…diese Frau macht mich verrückt, sie ist genauso wie meine Oma.

Dann bin ich so in meiner eigenen Emotion verhaftet, dass ich diese Frau nicht unterstützen kann. Es ist also wichtig zu lernen, die eigene Emotion in diesem Moment wahrzunehmen und wie es gelingt, sie für diese Aufgabe in eine Schublade zu stecken.

Hier sind einige Tipps dazu:

  • Zentrieren ist die Basis für jede Validationsanwendung. Zentrieren hilft, dass die eigenen Emotionen zur Seite geschoben werden, um sich ganz auf die andere Person einstellen zu können. Zentrieren ist eine besondere Atemtechnik, die jeder Mensch mit etwas Übung erlernen kann.
    siehe auch unsere Seite: FELiX-Mentaltraining.at
  • Kalibrieren ist eine wert- und urteilsfreie Beobachtung der Person und hilft zu erkennen, in welchem der vier Stadien sich die Person gerade befindet. Dies ist notwendig, um die entsprechende spezifische Technik einzusetzen.
  • Nachdem man für sich die Voraussetzungen geschaffen hat, kommen nun die verbalen Techniken zur Anwendung. Man beginnt mit dem Vertrauensaufbau damit sich die Person angenommen fühlt. Daher niemals die an Demenz erkrankte Person anlügen.

Beispiel 2 - Eine wütende Frau:

Klientin sagt: Frau Mayer hat mir schon wieder meine Bürste gestohlen.

Unsere Frage lautet: Weshalb glauben Sie, dass Frau Mayer Ihre Bürste stiehlt?

TIPP: Man wiederholt die Aussagen des Klienten mit W-Fragen und verwendet dabei Umformulierungen.

Durch die offenen Fragen gibt man der Person die Gelegenheit viel zu reden. Sie kann nun all die Emotionen loswerden, die sie vielleicht über eine sehr lange Zeit in sich aufgestaut hat.

Validation bewirkt, dass die Menschen sich anschließend wohler fühlen, weil sie starke Emotionen loslassen können.

Immer wieder beobachten wir, dass Menschen ganz bewusst angelogen werden, in der Meinung, dass sie die Antwort aufgrund ihrer Demenz sowieso wieder vergessen.

Auch wenn es kognitiv nicht mehr erfasst werden kann, in ihrem Innersten spüren die Menschen, dass sie angelogen wurden.

TIPP: Liebe Angehörige und Pflegende – bitte niemals die an Demenz erkrankte Person anlügen.

Beispiel 3 - Eine neue Bewohnerin ist wütend, als sie hört „essen Sie noch die Jause, dann dürfen Sie nach Hause“.

Diese Frau fühlt sich nicht ernst genommen in ihren Bedürfnissen und beginnt lautstark zu schimpfen. Aufgrund dieser Beobachtung und nach erfolgter Zentrierung steigt Andrea Stix genau in deren Gefühlswelt ein.

Es entwickelt sich ein längeres Gespräch und am Ende bedankt sich diese Frau: Danke, dass Sie mir zugehört haben! Sie sind die Erste, die mich verstanden hat!

TIPP: Ziel ist daher die bevorzugte Sinneswahrnehmung herausfinden, um optimal zu begleiten.

Beispiel 4 - Eine ängstliche Frau:

Klientin sagt: Heute war wieder dieser Mann in meinem Zimmer?


Unsere Frage:
Wie haben Sie denn das bemerkt?

Klientin antwortet: Ich habe ihn gesehen!

Unsere Frage: Wie hat er denn ausgeschaut?

TIPP: Wir lernen aus dem Dialog dass der Einsatz von Polaritäten kann hilfreich sein für die Weiterführung des Gesprächs.

Beispiel 5 - Ein Mann beschuldigt seinen Nachbarn...

Klient sagt: Mein Nachbar hat mir das Geld gestohlen.

Unsere Frage:
Wie viel Geld?
Hat er alles genommen?

Mit diesen Fragen nach dem Extrem werden bei dieser Person die Gefühle intensiviert. Damit wird mehr Erleichterung geschaffen, wenn die Person diese starken Gefühle loslassen kann.

TIPP: Durch das Vorstellen des Gegenteils kann bewirkt werden, dass sich die Person an eine ähnliche Situation aus ihrem Leben erinnert, die sie gut gemeistert hat.

Beispiel 6 - Ein Mann beschwert sich über das Essen...

Klient sagt: Das ist ein Pferdefraß, das esse ich nicht!
Unsere Fragen:

Was ist denn so grauenvoll an diesem Essen?
Wann ist das Essen am schlechtesten?
War Ihre Frau eine gute Köchin?



TIPP:
Jede Person entwickelt im Laufe Ihres Lebens bestimmte Bewältigungsstrategien. Durch das Eintauchen in die Vergangenheit hat die Person eine Chance, sich an die Lösung früherer Krisen zu erinnern.

Unterstützen kann man diesen Prozess durch Fragen, welche die Wörter „immer“ oder „nie“ enthalten.

Beispiel 7 - Eine Frau jammert, dass sie abends nicht einschlafen kann:

Klientin sagt: Ich kann nicht einschlafen.

Unsere Frage: War das immer so?

Klientin sagt: Früher haben wir abends immer gesungen….

Zur Grundhaltung der Validation gehören Ehrlichkeit, Respekt und Authentizität. Ziel ist nicht eine bestimmte Lösung zu finden, sondern das Verhalten der an Demenz erkrankten Person zu verstehen, indem wir empathisch hinhören und einfach da sind.

Validation ist eine Methode, die den Menschen mit Demenz ganzheitlich wahrnimmt und sich nicht ausschließlich auf die kognitiven Fähigkeiten konzentriert. Denn was man im Laufe seines Lebens mit Emotion lernt, vergisst man nie!

TIPP: Aus unserer Erfahrung in der Demenzbegleitung wissen wir, dass genau dieses Verhalten für pflegende Angehörige bzw. Pflegepersonal oft sehr schwierig ist. Wir sind gewohnt in unserer „normalen“ Welt korrigierend und wertend zu agieren. Das haben wir in all unseren Ausbildungen und im Beruf gelernt und praktiziert.

Beispiel 8 - Eine Pflegeheim-Bewohnerin möchte nach Hause:

Eine Bewohnerin möchte nach Hause, weil sie ihre Kinder versorgen will.

Sie mit der Realität zu konfrontieren „aber Frau M. die Kinder sind doch schon erwachsen“ ist hier der falsche Ansatz und kann für diese Frau Stress bedeuten.

Wenn man dieser Bewohnerin die Chance gibt über ihre Rolle als Mutter zu sprechen oder über ihre Kinder zu erzählen, dann fühlt sich diese Person angenommen und ihre schmerzhaften Gefühle werden schwächer.

TIPP: In der Validation beziehen wir die Gefühlswelt und alle Sinne sowie die Biografie der Betroffenen ein, um Zugang zu ihrer Erlebniswelt zu finden.

Lesen Sie auch folgenden Blogartikel dazu:

Demenzkranke sagen oft „ich will nach Hause“

Ich will nach Hause – so einzigartig wie die Menschen sind, so individuell kann das Bedürfnis sein, welches mit diesem Satz ausgedrückt wird. Mit viel Empathie und einem offenen Ohr kannst du als Angehöriger das Problem erfassen und so nach einer optimalen Lösung sorgen, damit der Betroffene sich wohl fühlt und wieder mehr Lebensqualität spüren kann.

Wir empfehlen folgendes Buch von Naomi Feil:

Validation: Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen - Naomi Feil

 

Validation – Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen

ISBN: 978-3-497-02391-2

Naomi Feil hat für den Umgang mit desorientierten alten Menschen die Methode der Validation entwickelt. Validation akzeptiert den Menschen so, wie er ist. Die Gefühle und die innere Erlebniswelt des verwirrten Menschen werden respektiert. Diese Menschen in ihrer eigenen Welt zu erreichen – das ist die Kunst der Validation. Das Buch ist ein unverzichtbarer Leitfaden für alle, die mit der Behandlung und Pflege desorientierter Menschen betraut sind.

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