Andrea Stix
akademische Demenzexpertin
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Demenz Krisenhotline

Basale Stimulation in der Pflege

Das Konzept der Basalen Stimulation® in der Pflege von Prof. Dr. Fröhlich hilft in der Begleitung von schwer in der Wahrnehmung beeinträchtigten Menschen.

Diese Methode wurde von Prof. Bienstein speziell für Personen in der Langzeitpflege weiterentwickelt.

Ein Wahrnehmungsprozess beinhaltet die Aufnahme von Information über die Sinne und Verarbeitung dieser Eindrücke über das Gedächtnis. Liegt nun eine Wahrnehmungsstörung vor, z.B. aufgrund einer dementiellen Erkrankung, so wirken die Handlungen der betroffenen Personen für andere Menschen oft irrational.

Welche Vorteile bietet die Anwendung der Basalen Stimulation® besonders für Menschen mit fortgeschrittener Demenz?

Im Mittelpunkt steht der holistische Mensch, d.h. Körper, Geist und Seele werden gleichermaßen angesprochen. Wir möchten festhalten, dass es gerade bei Menschen mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf wichtig ist, sie nicht nur am Leben zu erhalten, sondern sie am Leben aktiv teilhaben zu lassen. Durch Anwendung dieser Methode (be-) greifen die Menschen auf ganz individuelle Weise ihre Umwelt, erhalten länger ihre eigene Identität und erfahren so Orientierung in ihrer verwirrten und vergesslichen Welt.

Was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anwendung der Basalen Stimulation® bei an demenzerkrankten Menschen?

Die Einstellung bzw. Haltung der begleitenden Personen. Nur wer den Menschen hinter der Krankheit wahrnehmen und in seinem Sosein respektvoll auf Augenhöhe begegnen kann, wird mit dieser Methode etwas bewirken können. Kooperieren statt dominieren lautet die Devise.

Weil oft gerade bei Bettlägerigen die Erfüllung der körperlichen Grundbedürfnisse im Vordergrund stehen, weisen wir das Pflegepersonal auch immer explizit auf die seelische und geistige Komponente, d.h. den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit wahrzunehmen, hin.

Jeder Mensch ist einzigartig und daher auch der Krankheitsverlauf der Demenz individuell. So kann ein Grundwissen aus der Biografie unterstützen, die erkrankte Person optimal zu begleiten. Wir empfehlen hier, sich mit den Lebensgewohnheiten, den Vorlieben, aber auch den Abneigungen auseinanderzusetzen.

Wir legen auch nahe, auf die unterschiedlichen Körperzonen eines Menschen zu achten, die wiederum je nach Biografie unterschiedlich sein können:

  • Sozialzone: Hände und Rücken
  • Verletzbarkeitszone: Arm, Bauch, Brust, Gesicht
  • Intimzonen meiden, Schamgefühl!

Wie gelingt es mit dem Einsatz der Basalen Stimulation® eine Verbindung zu Menschen mit Demenz aufzubauen?

Alle Menschen erhalten täglich viele Informationen über die Sinne, die meisten davon nehmen wir unbewusst auf. Diese werden dann von unserem Gehirn verarbeitet. Lassen nun die kognitiven Fähigkeiten – z.B. aufgrund einer dementiellen Erkrankung – nach, so bleibt noch das emotionale Gedächtnis. Selbst Menschen mit fortgeschrittener Demenz können sich deshalb auf für sie relevante Erlebnisse erinnern.

Über unsere Sinne erlangen wir also Wissen, denn alles was wir wahrnehmen hinterlässt Empfindungen und Eindrücke.

  • Somatische Wahrnehmung: die Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Über sie erfahren wir die Grenzen zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt. Der Körperkontakt gibt Menschen mit Demenz Sicherheit und Geborgenheit in ihrer desorientierten und verwirrten Welt. Da eine Berührung bei der betreffenden Person immer Emotionen auslöst, ist die Pflege eine wesentliche Komponente für die Förderung des Wohlbefindens. Wir schulen hier das Bewusstsein auf Sensibilität für qualitative Berührung mit dem Augenmerk auf: wo – wie – wann – wie lange. Um den taktilen Sinn zu fördern können auch bekannte Alltagsgegenstände eingesetzt werden wie z.B. ein Kamm oder ein Waschlappen oder eine leichte Massage mit einem weichen Ball. Eincremen mit einer Feuchtigkeitslotion wird ebenfalls oft als angenehm wahrgenommen und als sehr beruhigend empfunden.
  • Visuelle Wahrnehmung: die Augen sind unser wichtigstes Sinnesorgan. Nicht umsonst sagen wir, dass sie das Fenster zur Welt und der Spiegel zur Seele sind. In der Umgebung können sowohl positive Reize, z.B. das Gesicht einer bekannten Person, also auch Gefahren wahrgenommen werden und wir erkennen Formen und Farben. Nonverbal nehmen wir bei allen Menschen über die Augen auch die Gefühle wie Freude oder Trauer wahr, was gerade in der Kommunikation bei Menschen mit Demenz von Vorteil sein kann. Bei älteren Menschen und/oder bei Erkrankungen kann die Sehfähigkeit eingeschränkt sein. In diesem Fall unterstützt gute Beleuchtung als Präventionsmaßnahme für etwaige Irritationen. Um bei Bettlägerigkeit diesen Sinn zu stimulieren, kann eine Änderung des Blickwinkels und eine besonders umsichtige Gestaltung des Umfeldes für die betroffene Person vorgenommen werden.
  • Auditive Wahrnehmung: über die Ohren nehmen wir Geräusche und Stimmen wahr und können auf diese Weise mit unserer Umwelt in Kontakt treten. Gezielter Einsatz von Musik oder Naturgeräuschen wie Vogelgezwitscher unterstützt die Verbindung zur Außenwelt. Unsere Kommunikation muss klar, einfach und langsam erfolgen, damit Menschen mit dementiellen Beeinträchtigungen die Chance haben das Gesagte zu verarbeiten. Das Ohr ist überdies der Sitz des Gleichgewichtsorgans, welches der Raumorientierung und einer ausbalancierten Körperhaltung dient. Bei Bettlägerigkeit kann hier sanftes Wiegen oder leichte Schaukelbewegungen den Kontakt zum eigenen Körper aufrechterhalten.
  • Olfaktorische Wahrnehmung: über die Nase nehmen wir verschiedene Gerüche auf, die Erinnerungsträger sind und uns auf diese Weise Information geben. Wir raten hier zu besonderer Vorsicht beim Einsatz bestimmter Duftnoten. So ist zum Beispiel nicht für jede Person Lavendel mit angenehmer Erfahrung verbunden. Eine Speise kann bei jemanden angenehme Erinnerungen wecken oder negative Gefühle auslösen. Gezielter Einsatz von bekannten Düften wie frisch gemahlener Kaffee oder frisches Brot oder bestimmte Kräuter ermöglicht gerade Menschen mit Demenz in die eigene Lebensgeschichte einzutauchen.
  • Gustatorische Wahrnehmung: Unser Mund ist ein besonders sensibler Wahrnehmungsbereich. Er dient uns einerseits als Nahrungsaufnahme und ist andererseits ein wichtiges Werkzeug unserer Kommunikation. Da auch die Geschmacksnerven im Alter abnehmen, sollten die verabreichten Speisen hinsichtlich Würze darauf abgestimmt werden. In diesem Zusammenhang weisen wir auch immer darauf hin, dass sich Lieblingsspeisen im Laufe des Lebens ändern können. So kann aus einem jugendlichen Fleischliebhaber eine ältere Naschkatze werden. Wenn pflegebedürftige Menschen das Essen verweigern, so sollte dies nicht automatisch mit der Demenz in Zusammenhang gebracht werden.

Da Nahrungsverweigerung auf Dauer für diese Personengruppe lebensbedrohlich sein kann, gilt es die Ursache dafür herauszufinden. Da der Mund zum Intimbereich eines Menschen gehört, ist auch bei der Mundpflege auf besondere Sorgfalt zu achten.

Buch basale Stimulation in der Pflege

Basale Stimulation® in der Pflege – Die Grundlagen von Christel Bienstein und Andreas Fröhlich

Die Basale Stimulation dient der Förderung von Menschen in krisenhaften Lebenssituationen, deren Austausch- und Regulationskompetenzen deutlich vermindert, eingeschränkt oder dauerhaft behindert sind. Im Zentrum des Konzeptes stehen die Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Kommunikation und Bewegung. Basale Stimulation ist eine Form ganzheitlicher, körperbezogener Kommunikation für Menschen mit wesentlichen Einschränkungen. Mit einfachen und grundlegenden Austauschhilfen und -angeboten helfen Pflegende dabei, die Kompetenzen dieser Menschen zu erhalten, zu sichern und aufzubauen.

Basale Stimulation versteht sich als Angebot körperlichen und ganzheitlichen Lernens umfassende Entwicklungsanregung in frühen Lebensphasen Orientierung in unklaren Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Bewegungssituationen Stressreduzierung für Menschen in belastenden Grenzsituationen und gesundheitlichen Krisen Begleitung von Menschen in ihrem Sterben. Das Grundlagenwerk zur Basalen Stimulation in der Pflege bietet auch in seiner 8., durchgesehenen und ergänzten Auflage einen umfassenden Überblick darüber, was Basale Stimulation ist, welches Grundverständnis sie leitet, welche Personen und Lebensthemen in ihrem Mittelpunkt stehen und aus welchen Elementen sie besteht. In der 8. Auflage wurden die zentralen Themen der Basalen Stimulation sowie die Bedeutung der Berührung stärker herausgearbeitet.

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