Andrea Stix
akademische Demenzexpertin

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Demenz Krisenhotline

Wo ist Mama? Der Verlust der örtlichen Orientierung bei Demenz.

wenn ein Mensch mit Demenz verschwindet
Andrea Stix

Andrea Stix

akademische Expertin für Demenzstudien, DonauUni Krems
Gründerin der FELiX-Methode © und der FELIX-Demenzakademie ©
Vortragende und Trainerin

Der Verlust der örtlichen Orientierung ist sowohl für Menschen mit Demenz als auch für deren Betreuungspersonen mit Angst verbunden. Denn das Verlassen von Wohnung oder Heim kann für die erkrankte Person Eigen- oder Fremdgefährdung bedeuten.

Weshalb laufen Menschen mit Demenz weg?

Zunächst hilft es, sich einmal bewusst zu machen, dass die erkrankte Person mit einem bestimmten Vorhaben das traute Heim verlässt. Das Ziel kann dabei völlig unterschiedlich sein. Der Wunsch etwas einzukaufen oder den früheren Arbeitsplatz aufzusuchen oder einen Freund zu besuchen. Vielfach ist es aber geplant zum Elternhaus zu spazieren, weil die erkrankte Person sich dort die Geborgenheit erwartet, die sie im Moment vermisst.

Welche Möglichkeiten gibt es, den Wandertrieb zu reduzieren?

Ganz ehrlich: es gibt kein Rezept, welches auf alle Menschen mit Demenz angewandt werden kann, weil jeder einzigartig ist und es daher unterschiedliche Gründe gibt. Die Lebensgeschichte der erkrankten Person unterstützt, die Ursache für das Weglaufen zu finden.

Mögliche Motive für das Verlassen der Unterkunft:

  1. Es gibt Menschen, die sich immer gerne körperlich betätigt haben. Sie wollen dies auch weiterhin tun. Ein Spaziergang im Freien hat schließlich auch einen positiven Effekt auf andere körperliche Bereiche wie Verdauung und Erhalt der Mobilität.
  1. Es gibt Berufe, die überwiegend im Freien stattfinden. Haben die Betroffenen etwa in der Landwirtschaft, einer Gärtnerei oder in der Baubranche gearbeitet, so könnte der Wunsch nach Frischluft damit zusammenhängen.
  1. Manche Menschen gehen auch aus Langeweile spazieren. Sie hoffen auf nette Leute zu treffen oder sind unterwegs zu einem Kaffeeklatsch bzw. Stammtisch ins nahe Wirtshaus.
  1. Manches Mal haben die Betroffenen aber das Gefühl eingesperrt zu sein und unternehmen einen Fluchtversuch, um sich das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung zu erfüllen.

Beispiel aus der Angehörigenberatung von Andrea Stix:

Frieda lebt bei ihren Kindern, vieles ist anders geworden. Oft hat sie Sehnsucht nach ihrem Elternhaus und immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, versucht sie dorthin zu gelangen.
Ihre Tochter Monika erzählt mir, wie sie dann verzweifelt nach ihrer Mutter sucht, die aufgrund mangelnder Orientierung irgendwo herumirrt. Je länger die Suche dauert, desto mehr schleicht sich auch die Angst ein: hoffentlich ist nichts passiert.

Einsperren ist ja auch keine Lösung, oder? – Nein! Auf keinen Fall!

Es gibt einfache Maßnahmen zur Unterstützung von Menschen mit Demenz:

  1. Es sollten möglichst viele Personen in der Umgebung von der Erkrankung Ihres Angehörigen informiert werden. Denn wenn die Menschen aus der Nachbarschaft über die Krankheit Bescheid wissen, werden sie auf die betroffene Person aufmerksam und sie sicher gerne nach Hause begleiten. (siehe auch unsere Seite Bücher rund um das Thema Demenz Hanna Fiedler „Unser Leben zu dritt“
  1. Menschen mit Demenz sollten immer einen Personalausweis in der Tasche haben. Im späteren Krankheitsverlauf kann dies auch ein Armband oder eine Visitenkarte sein mit dem Namen, der Adresse und der Tel.Nr. eines Angehörigen, der im Notfall kontaktiert werden soll.
  1. Wenn die Betroffenen einen erhöhten Bewegungsdrang haben, dann schaffen lange Spaziergänge mit vertrauten Personen Abhilfe. So könnte eine Freundin zum Kaffeeklatsch oder ein Nachbar zum Stammtisch begleiten. In ländlichen Gebieten freuen sich die erkrankten Personen auch, wenn sie auf einen Ausflug zu den Feldern oder dem nahmen Wald eingeladen werden.
  1. Gegen aufkommende Langeweile hilft Beschäftigung. Auch Menschen mit Demenz haben das Bedürfnis sinnstiftende Tätigkeiten durchzuführen. Werden sie in den Arbeitsalltag eingebunden und mit Aufgaben betraut, so verstärkt sich nicht nur das Gefühl „gebraucht zu werden“, sondern es reduziert auch die Bevormundung. Dadurch wird „Gefängnisatmosphäre“ vermieden und es entsteht kein Bedürfnis zu flüchten.
  1. Für Menschen mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf unterstützt auch die moderne Technik. In Institutionen werden die Bewohner mit Chip in Armbändern oder Kleidung ausgestattet, die beim Verlassen einer bestimmten Umgebung Alarm auslösen. Auch für den privaten Bereich gibt es zahlreiche Angebote wie zum Beispiel eine Demenz-Uhr https://demenz.watch

Was ist zu tun, wenn Menschen mit Demenz nicht zurückfinden?

Auch Menschen, die bisher bestimmte Wege – wie z.B. zum Bäcker ums Eck oder zum Treffen mit Bekannten im nahen Stadtpark – gut bewältigt haben, können aufgrund der Erkrankung plötzlich die Orientierung verlieren. Oder trotz vielen Vorkehrungen verlassen Betroffene trotzdem alleine die vertraute Umgebung und finden nicht mehr zurück.

Für diesen Fall empfehlen wir zwei Maßnahmen im Vorfeld:

  • Notieren Sie sich die bevorzugten Wege bzw. Lieblingsplätze Ihres erkrankten Angehörigen
  • Füllen Sie vorab das Formular „Vorbereitung für einen Vermisstenfall“ aus und halten Sie es für den Notfall bereit. Wenn Ihr erkrankter Angehöriger in einem Pflegeheim wohnt, können Sie es dort hinterlegen

Tritt nun der Notfall ein verständigen Sie umgehend die nächste Polizeistation.

Wichtiger Hinweis: lt. Bundeskriminalamt entfällt bei Menschen mit Demenz die Wartefrist für eine Abgängigkeitsanzeige. Anhand Ihres vorbereiteten Formulars https://bundeskriminalamt.at/ können dann schnell die notwendigen Maßnahmen zur Auffindung durchführt werden.

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