Andrea Stix
akademische Demenzexpertin
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Demenz Krisenhotline

Buchrezension: „Vergesslich, störrisch, undankbar?“

Der Inhalt – Persönlich interpretiert

In diesem Buch wird ein möglicher Lebensverlauf (jeder Mensch ist individuell und daher auch jeder Verlauf unterschiedlich) einer Demenzerkrankung beschrieben (wobei ich aufgrund der Beschreibung meine, dass es sich um die degenerative Form Alzheimer handelt – eine exakte Zuordnung bzw. Arzt-Diagnose fehlt). Die ersten Seiten beginnen mit dem Tod des Ehegatten, was den Beginn der Krankheit eventuell ausgelöst haben könnte. Und es wird schon zu Beginn der Geschichte klar, dass es sich um eine etwas schwierigere Mutter-Tochter-Beziehung handelt, was sich dann im Verlauf der Krankheit immer wieder spiegelt.
Dennoch ist die Tochter fortwährend bemüht, ihre von der Gesellschaft erwartete Rolle einzunehmen, nämlich sich aufopfernd um die Mutter zu kümmern. Schon das Wort aufopfernd lässt erahnen, was für die Außenwelt selbstverständlich ist: zur Mutter ziehen, den Job und die Freunde aufgeben, den Alltag einfach nach der Mutter auszurichten, also eine Art Rollenumkehr zu leben.

Und man sieht in diesem Familienbeispiel auch sehr deutlich, dass selbst nahe Angehörige – in diesem Buch der Bruder – schnell erkennen, dass dies ein mühevoller und überaus anstrengender Weg ist und, sie sich daher schnell in diverse Ausreden flüchten, weshalb sie sich nicht um die erkrankte Person kümmern können. Leider ist es aber auch Realität, dass sich die pflegenden Angehörige, sofern sie auch die finanziellen Angelegenheiten übernommen haben, noch Vorwürfe hinsichtlich Bereicherung gefallen lassen müssen – dies wurde in dieser Geschichte gut beschrieben.

Die Ehe wird meiner Meinung nach nur aufrecht erhalten, weil die Tochter versucht, ihren Mann so gut wie möglich von der Mutter abzuschirmen und zumindest ein paar Stunden am Abend für ihn da zu sein. Welche Anstrengung und tagtägliche Herausforderung dies für einen Menschen bedeutet, kommt erst dann zum Tragen, als die Tochter für einen längeren Zeitraum ausfällt.

Selbst in den so dringend benötigten Urlaub willigt sie nur ein, als der Mann droht sie zu verlassen, wenn sie sich nicht dazu bereit erklärt, ein paar gemeinsame Tage zu verbringen. Aber Erholungswert ist für die Tochter trotzdem nicht gegeben, da sie nicht loslassen kann; da bleibt natürlich die Vereinbarung zwischen den Eheleuten, während des Urlaubs das Thema Mutter nicht anzusprechen, wirkungslos.

Was noch sehr deutlich herauskommt ist der Glaube und der Wille alles alleine schaffen zu können. Nur in Momenten der höchsten Verzweiflung und Überforderung versucht die Tochter an der Außenwelt anzudocken. Leider erfährt sie nicht einmal beim Arzt die notwendige Hilfestellung, denn anstatt die alte Dame gründlich zu untersuchen, geht auch er den einfachsten Weg und verschreibt Medikamente. Selbst im Pflegeheim – wo die Mutter für einen Kurzurlaub untergebracht wird – erfährt die Tochter keine Form der Unterstützung; ein ausführliches Gespräch mit der Heimleitung hätte ihr vielleicht Klarheit und Sicherheit gebracht. Aber auch hier bleiben die quälenden Fragen unbeantwortet.

Für mich auch gut beschrieben ist, dass die Außenwelt sich nur an der erkrankten Mutter orientiert und dabei übersieht, wie es um die Tochter bestellt ist. Der Dauerstress und die ständige Überforderung führen schließlich zum Zusammenbruch, der zu einem längeren Aufenthalt in einer Reha-Klinik führt.
Dadurch geht der demenzkranken Mutter nicht nur die einzige Bezugsperson verloren, sondern es herrscht auch Hilf- und Ratlosigkeit bei den übrigen Angehörigen, was dazu führt, dass man als einzige Möglichkeit die Abschiebung in ein Pflegeheim sieht.
(Dass ein Pflegeheim nicht nur Endstation, sondern auch ein Daheim für demenzkranke Menschen bedeuten kann, wird in diesem Buch völlig außer Acht gelassen. Es werden leider nur die negativen Seiten beschrieben).

Viele Menschen können sich die Verzweiflung eines Kleinkindes vorstellen, welches von der Mutter brutal getrennt in einer fremden Umgebung aufwachsen soll. Nur wenige verstehen aber, dass die Verhaltensweisen der demenzkranken Mutter genau aus demselben Grund passieren; die Frau kann sich nicht mehr verbal ausdrücken und versucht auf andere Weise ihre Bedürfnisse zu äußern, was aber leider dazu führt, dass die Person ruhig gestellt und an der Bewegung gehindert wird.

Aufgrund ihrer langen Abwesenheit schafft es auch die Tochter nicht mehr, in die Welt der Mutter einzusteigen. Trotzdem gibt sie ihr Bestes und versucht zumindest die regelmäßigen Besuche aufrecht zu erhalten. Der einsame Tod der Mutter ist aber nicht gleich das Ende der Beziehungsgeschichte, sondern bei der Tochter nur ein langsames Loslösen von einer überaus schwierigen Bindung und Thematik.

Meine Gedanken – für wen dieses Buch eine Bereicherung ist

Ich kann das Buch nicht empfehlen für „Neueinsteiger“ in die Materie Demenz – denn (wenn nur die Geschichte gelesen wird) als betroffener Angehöriger erkennt man sich wahrscheinlich in der einen oder anderen Situation wieder und fühlt sich bestätigt so nach dem Motto „das habe bzw. erlebe ich auch gerade – diese Situation kenne ich nur zu gut – auch ich stoße in meiner Umgebung auf völlige Unverständnis, ….“
Die tatsächliche hilfreiche Botschaft ist aber in den Antworten der Fragestellungen enthalten (bezüglich Farbe denke ich übrigens, dass bewusst grün – Zeichen der Hoffnung – gewählt wurde). In diesen Erklärungen finde ich das Gehörte und Gelernte der M.A.S. – Ausbildung wieder und manches davon konnte ich bereits bei der Begleitung von Menschen mit Demenz selbst erfahren.

Ob allerdings eine Person, die sich dieses Buch als Hilfestellung kauft, weil sie das erste Mal durch einen betroffenen Angehörigen mit dieser Krankheit konfrontiert wird, davon profitiert, bin ich sehr im Zweifel. So wie die Tochter und deren Umfeld aus dem Verstand agiert und es daher nicht schafft, die Bedürfnisse der dementen Mutter zu verstehen und darauf entsprechend einzugehen, wird auch ein Käufer dieses Buches sehr gerne darin lesen und sich ev. wiederfinden, aber nicht verstehen, wie die Hilfestellungen gemeint sind.

Denn dafür ist nicht nur Fachwissen Voraussetzung sondern vor allem ist es notwendig, dass man mit dem Herzen agieren muss, um die Menschen mit Demenz zu erreichen, anzunehmen wie sie sind und was da ist und dann aus dieser Situation heraus das Leben für den Betroffenen als auch für sein Umfeld bestmöglich zu gestalten.

Die Idee mit der Infothek gefällt mir sehr gut, weil hier angeführt ist, wo und wie man von „außen“ Unterstützung bekommen kann bzw. welche Vorkehrungen hinsichtlich Vollmachten, Kosten und Finanzierung, Wohnsituationen zu überlegen sind – allerdings kann ich diese Unterstützung in noch besserer und aktueller Form über Sozialarbeiter, soziale Ämter, etc. erfragen.

Als Arbeitsmaterial ergänzend zum Lehrstoff oder als späteres Nachschlagewerk kann ich dieses Buch aber wärmstens empfehlen.
Vergesslich, störrisch, undankbar von Erich Schützendorf ist im Ernst Reinhardt Verlag erschienen.

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